“Ich erkenne mich ja selbst nicht”


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Magersucht ist ein Problem der Körperwahrnehmung. Wie soll man in einer Gesellschaft, die permanent Äußerlichkeiten bewertet und optimiert, den gesunden Weg finden?


Sie hungert sich krank”, “Gefährlicher Magerwahn”: Schlagzeilen wie diese beherrschen die deutschen Boulevard-Medien. Kaum eine Woche vergeht, in der die Regenbogenpresse nicht zumindest eine prominente Frau als magersüchtig oder “krankhaft schlank” bezeichnet. Mich macht das wütend. Denn die Berichterstattung ist wahllos: Titelseiten mit Bildern von Frauen, die angeblich an Magersucht erkrankt sind, stehen im Zeitungsregal direkt neben Fotos von Promis mit einer “Top-Bikinifigur”. Dass sich die Körper auf den Bildern kaum unterscheiden, spielt scheinbar keine Rolle.

Auch wenn ich es oft nicht wahrhaben will: Große Teile unserer Gesellschaft sind von Schönheit und Schlankheit nahezu besessen. Die moderne Frau sollte sowieso alles haben – Karriere, Kind, tolle Haut und natürlich die “Top-Bikinifigur”. Befördert wird dieses Ideal von der Werbeindustrie, aber eben auch von uns selbst. Schließlich sind Frauen groß darin, nicht nur sich selbst ständig zu bewerten, sondern auch Freundinnen, Kolleginnen oder entfernte Bekannte: “Wow, du hast aber toll abgenommen”, “Huch, da würd’ ich nicht reinpassen” oder “Ist bestimmt nicht immer leicht mit so großen Brüsten”. Das Ziel dieser Kommentare ist oft völlig unklar. Doch die Frau auf der anderen Seite fragt sich daraufhin möglicherweise zum ersten Mal: “Sind meine Brüste wirklich zu groß?” und betrachtet sich vielleicht mit neuen Augen im Spiegel.

Der Einfluss des westlichen Schönheitsideals auf unsere Körperwahrnehmung sowie der Druck, den wir auf uns selbst wie auf andere ausüben, ist offensichtlich. Doch wo hört dabei Schlankheitswahn auf, und wo fängt eine gefährliche Krankheit wie Magersucht tatsächlich an? Und wer hat eigentlich den Boulevardmedien erlaubt, diese Unterscheidung per Ferndiagnose zu stellen?

Ohnehin ist Magersucht doch viel zu komplex, als dass das Erreichen eines Schönheitsideals alleiniger Auslöser dafür sein könnte. Und obwohl viele westliche Frauen unbedingt schlank sein wollen und die Boulevardmedien Magersucht immer wieder im Programm haben, bleibt sie eine seltene Krankheit: Es gibt in Deutschland keine offiziell bestätigten Zahlen zur Häufigkeit, Experten schätzen sie aber auf 0,3 bis 1 Prozent in der Bevölkerung. Zudem ist Magersucht keinesfalls eine neuartige Erscheinung, sondern wurde bereits 1869 erstmals in einer medizinischen Fachzeitschrift beschrieben. Das Bild der Magersucht hat sich seitdem nicht geändert, und die Motive und Traumata der Betroffenen bleiben so individuell und komplex wie die Krankheit selbst.

“Warum sagen sie mir bloß, ich sei zu dünn?”

Seit vielen Monaten beschäftige ich mich als Journalistin intensiv mit dieser vielschichtigen Essstörung und ihren unterschiedlichen Ausprägungen. Dabei spreche ich vor allem mit den Betroffenen über ihre Erfahrungen und ihren Kampf gegen die Krankheit. Nele zum Beispiel ist 27 und leidet seit vielen Jahren unter Magersucht. Trotz zahlreicher Therapien und Klinikaufenthalte hat sie es immer noch nicht gelernt, ihren eigenen Körper im Spiegel so zu sehen, wie er tatsächlich ist. Auf Fotos fällt es ihr mittlerweile etwas leichter, zu erkennen, wie dünn sie ist: “Da sehe ich schon: Okay, das sieht jetzt nicht mehr hübsch aus.” Gerade im Gesicht nimmt sie die Spuren ihrer Magersucht wahr und stellt fest: “Ich sehe wirklich alt aus.” Doch sobald sie in den Spiegel blickt, ändert sich das, was sie sieht. Hier kann sie nicht im Ansatz erkennen, was ihr beim Betrachten der Fotos gelingt: “Ich frage mich sofort: Was sehen die anderen? Warum sagen sie mir bloß, ich sei zu dünn?”

“Mein Bauch ist immer präsent. Als würden permanent Leuchtpfeile darauf zeigen.”

Wenn sie vor dem Spiegel steht, sieht Nele nur noch einzelne Körperteile, ein Blick auf das Gesamtbild ist nicht mehr möglich. Sie kontrolliert, ob sie an ihren Problemzonen zugenommen hat – also an Bauch, Beinen und im Gesicht. Dass sie mit einem Gewicht von unter 40 Kilo kein Fett in diesen Bereichen mehr haben kann, weiß sie. Trotzdem sieht sie ihr eigenes Körperbild als zu dick an. “Mein Bauch ist immer präsent. Egal, ob er leer oder voll ist. So als würden permanent Leuchtpfeile darauf zeigen. Der ist total im Fokus und alle anderen schauen auch immer darauf.” Gleichzeitig ist Nele erleichtert, wenn Freunde und Bekannte Sorgen äußern. “Wenn die Leute sagen, dass ich zu dünn bin, beruhigt mich das. Es gibt mir Sicherheit, weil mich mein Gefühl, ich sei zu dick, also trügt”, sagt sie.

Anorexie-Patienten empfinden gegenüber ihrem Körper starke Ekelgefühle, Scham und Abneigung”, hat die Psychologin Jennifer Svaldi mir erklärt. Damit junge Frauen wie Nele also eine höhere Chance darauf haben, gesund zu werden, müssen sie an der eigenen Körperwahrnehmung arbeiten. Doch wie kann etwas verbessert werden, das bei vielen nahezu verschwunden ist? Nele zum Beispiel weiß oft gar nicht mehr, welches Körperbild real ist: ihr eigenes Empfinden, eine Fotografie oder die Rückmeldung ihrer Freunde und Verwandten.

Jennifer Svaldi führt aus diesem Grund aktuell eine Pilotstudie an der Universität Freiburg durch, in der Anorexie-Patientinnen in insgesamt zwölf Sitzungen für jeweils 90 bis 120 Minuten an einer Spiegelexposition teilnehmen. Sie betrachten sich unter therapeutischer Anleitung im Spiegel, schauen die verhassten Körperzonen genau an und beschreiben im Detail gemeinsam mit den Psychologen, was sie sehen. “Dabei geht es nicht mehr einfach nur um dick oder dünn”, erklärt Svaldi. “Eine Schulter zum Beispiel kann viel mehr sein. Sie kann schmal oder breit, nach vorn gezogen oder nach hinten gestreckt, eckig oder rund, muskulös oder knochig, herabhängend oder hochgezogen sein. Es geht darum, dass sie das Abbild überprüfen, das sie in ihrem Kopf von ihren Körpern haben und auf ihr Spiegelbild projizieren.”


Ihren Körper zu akzeptieren, so wie er ist – davon sei sie noch weit entfernt, sagt Nele. Zwar war sie bereits mehrmals zur stationären Therapie in Fachkliniken und habe an ihrer Körperwahrnehmung gearbeitet. Sie hat mit ihren Therapeuten Videos von sich in unangenehmen Posen gedreht und im Anschluss analysiert. In der Gestaltungstherapie hat sie ihren Körperumriss gezeichnet, so wie sie ihn einschätzt und im Anschluss festgestellt, dass sie in Wahrheit viel schmaler ist. Diesen Körperumriss hat sie daraufhin ausgemalt und mit ihren Wünschen und Zielen gefüllt. Doch ihr Körperbild realistisch einzuschätzen, schafft sie immer noch nicht: “Ich erkenne mich einfach nicht wirklich.” Und Reaktionen von außen verunsichern sie noch mehr. Auch die Gesellschaft, in der Äußerlichkeiten und Körper ständig bewertet und vermeintlich permanent optimiert werden müssen, erschwert ihr den Weg zur Gesundung.

Nach dem Gespräch mit Nele war ich sehr nachdenklich: Oft weiß man nicht, welche Auswirkung Kommentare zum Aussehen oder zum Körper haben. Manchmal sieht man den Leuten nicht an, ob sie an einer Essstörung leiden, sie gerade besiegt haben oder lediglich verunsichert sind – und dann kann ein lockerer Spruch mehr Gewicht haben, als man es sich ausmalen kann. Ich habe mir jedenfalls fest vorgenommen: Ich werde das Aussehen anderer Menschen nicht mehr kommentieren oder bewerten. Es sei denn, sie bitten mich explizit darum, ihr Spiegel zu sein.