Ist GNTM eine Einstiegsdroge?


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Sie laufen wieder: Heidi Klum sucht für ProSieben auch in diesem Jahr “Germany’s Next Topmodel”. Vor genau einem Jahr schlug die Petition einer jungen Frau hohe Wellen: Die 20-jährige Laura Pape forderte von der “Model-Mama” mehr Aufklärung über Essstörungen. Welche Gefahren gehen von der Sendung aus? Verleitet sie junge Mädchen tatsächlich in die Magersucht? 

Laura erkrankte mit 17 Jahren selber an Magersucht, erst ein Klinikaufenthalt half ihr, gesund zu werden. Drei Jahre später verarbeitete sie ihren Weg aus der Essstörung in dem Buch “Lebenshungrig”. Das Interesse an ihrer Person war groß – und sie nutzte den Medienrummel, um mit einer Petition auf mögliche Gefahren von Sendungen wie “Germany’s Next Topmodel” hinzuweisen.

Heidi Klum war wenig begeistert und warf der Autorin auf einer Pressekonferenz vor, sich auf ihre Kosten vermarkten zu wollen. Quatsch, sagt Laura, das Buch habe sich vorher schon gut verkauft. “Ich wollte auch nicht erreichen, dass die Sendung abgesetzt wird. Obwohl es in der Presse oft so dargestellt wurde”, erzählt sie. In der Sendung sollte mehr aufgeklärt werden: “Die können da auch mal einen Gang runterschalten. Es würde zum Beispiel ein Hinweis helfen, dass nicht jeder soviel Sport machen muss wie die Teilnehmerinnen.”

Für die Models gehört es zum Beruf, auf ihren Körper – und vor allem eine schlanke Linie – zu achten. Doch tatsächlich verfügen nur fünf bis zehn Prozent der Frauen über die Voraussetzungen zur Model-Idealfigur, weiß der Schweizer Arzt und Psychiater Jürg Lichti. Und dennoch stelle der dünngliedrige, fett- und faltenfreie Körper das Leitmotiv heutiger Mädchen und Frauen dar.
Genau hier sieht auch Laura die Gefahr:

WO HÖRT SCHLANKHEITSWAHN AUF UND WO FÄNGT MAGERSUCHT AN?

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Thin

Thinspiration setzt sich aus den Worten “thin” (dünn) und “Inspiration” zusammen. Unter dem Hashtag #thinspiration werden in den Sozialen Netzwerken Fotos veröffentlicht, die sehr schlanke Körper zeigen. Diese sollen zum Abnehmen motivieren.

“Heute laute die Botschaft: Bist du dünn, so bist du jemand”, schreibt Jürg Lichti seinem Buch “Magersucht in Therapie”. Tatsächlich wird dem gesellschaftlichen Schlankheitswahn vor allem in den Sozialen Netzwerken ein neues Gesicht gegeben: Hashtags wie #Thinspiration und die dazugehörigen Fotos schlanker (Frauen-)Körper überfluten die Netzwerke Tumblr und Instagram.

Doch wo hört Schlankheitswahn auf und wo fängt eine ernsthafte Essstörung an? Laura weiß aus ihren eigenen Erfahrungen: “Die Magersucht beherrscht deinen ganzen Tag, es gibt keinen Platz für etwas anderes. Du wachst mit dem Gedanken an Kalorien und Sport auf und kannst nachts nicht schlafen, weil du Hunger hast.” Die Gesundheit und letztendlich auch der eigene Körper waren ihr egal, sie wollte die Dünnste von allen sein – um jeden Preis.

“Heute werden junge Menschen ständig fotografiert und bewertet”, weiß auch der Arzt und Psychotherapeut Stephan Zipfel. Dennoch: Obwohl viele junge Frauen in unserer Gesellschaft ein besonders schlankes Schönheitsideal verfolgen, sei die Häufigkeit der Magersucht in ihrer engsten Form (siehe dazu: Merkmale der Anorexia nervosa nach ICD-10-Klassifizierung) in den letzten 20 Jahren nicht gestiegen, erklärt er. Darüber hinaus sei die Magersucht keinesfalls eine neue Erkrankung, schon vor 150 Jahren wurde sie in einer medizinischen Fachzeitschrift beschrieben. Die Motive dahinter hätten sich allerdings geändert, der Ansporn zu hungern sei heute durch das gängige Schönheitsideal ein anderer.

Laura Pape über die Zielgruppe von Germany’s Next Topmodel

“DIE BILDER HABEN MICH ANGEFIXT”

Laura Pape kennt die Gefahr, die von Fotos extrem schlanker Körper ausgehen, aus eigener Erfahrung. Während ihrer Erkrankung surfte sie auf sogenannten Pro-Ana-Seiten. “Ich wusste die ganze Zeit, dass das krank ist”, sagt Laura, “doch die Bilder auf den Seiten haben mich total angefixt.”

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Pro Ana-Seiten und Thigh Gap

PRO-ANA-SEITEN
“Pro Ana” steht für “Pro Anorexia”, also “Für Magersucht”. Die Anhängerinnen und Anhänger dieser Bewegung idealisieren Magersucht zum Lifestyle und spornen sich auf Internetseiten gegenseitig zum Hungern an.

THIGH GAP
“Thigh Gap” meint die Lücke zwischen den beiden Oberschenkeln. Aktuell finden viele Mädchen und Frauen es ideal, wenn sich die Beine im Stehen nicht berühren.

In Hashtags wie #Thinspiration oder #Thighgap sieht sie eine ähnliche große Gefahr wie in der Castingshow “Germany’s Next Topmodel”: “Das können Einstiegsdrogen sein. Erst will man eine Thigh Gap, dann die herausstehenden Hüftknochen und schließlich kommt der BMI 16.”