Magersucht in der Presse: Das falsche Bild


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“Promis im Magerwahn”, “Sie hungern sich schlank” oder “Gefährlicher Schlankheits-Trend” – Schlagzeilen wie diese beherrschen die Boulevardmagazine. Dabei wird auf eine differenzierte Berichterstattung komplett verzichtet, die Diagnose “Magersucht” wahllos verteilt – und die Gefahren einer derartigen Berichterstattung offensichtlich ignoriert. 


“Du bist doch gar nicht so dünn.” Diesen Satz kann Helene (30) bis heute nicht vergessen. Genauso wenig wie das Gefühl, nicht ernst genommen zu werden. “Wenn jemand zu dir sagt, dass es doch noch deutlich dünnere Frauen gibt, fühlst du dich ziemlich allein gelassen”, erzählt sie mit ruhiger Stimme. Helene litt fünf Jahre an bulimischer Magersucht: Sie aß kaum etwas – und das wenige, das sie zu sich nahm, erbrach sie im Anschluss wieder. Sie musste erst fast an der Krankheit sterben, bis sie es geschafft hat, sich von ihr zu verabschieden.

Trotzdem begleitet Helene bis heute das Gefühl, sich rechtfertigen und erklären zu müssen. Selten nahmen andere ihre Magersucht als eine ernstzunehmende Krankheit wahr. “Immer wieder hörte ich: ‚Du siehst auch noch hübsch aus, wenn du mehr wiegst.’”

DIE OBSESSION DER BOULEVARDPRESSE

Die Regenbogenpresse scheint geradezu besessen von der Krankheit Magersucht zu sein, es vergeht kaum eine Woche, in der nicht eine prominente Frau von Journalisten als magersüchtig oder zumindest als krankhaft schlank ferndiagnostiziert wird. Vor allem online häufen sich die nach Skandal schreienden Beiträge über vermeintliche Essstörungen. Da viele Prominente freiwillig zahlreiche Fotos von sich in den sozialen Netzwerken Facebook und Instagram veröffentlichen, brauchen die Redaktionen sich daran nur zu bedienen, um sie nach bestem Boulevard-Handwerk zu bewerten. Und auch die Fans und Follower toben sich unter den Bildern aus, geben nach Lust und Laune Kommentare ab. Die Spannbreite reicht dabei von “Iss’ mal was” bis “Du bist ganz schön fett”.

Die Berichterstattung der Boulevardmedien über Essstörungen ist unreflektiert und wahllos. So finden sich Abbildungen von Frauen, die angeblich an Magersucht erkrankt sind, direkt neben Fotos von Frauen mit einer “Top Bikinifigur”. Dass sich die Körper auf den Bildern dabei kaum unterscheiden, scheint keine Rolle zu spielen. “Die Funktion der Klatschpresse ist es, den Star schwach zu zeigen”, erklärt Medienwissenschaftler Guido Zurstiege die Faszination des Boulevardjournalismus mit der Magersucht. “Während die Leinwand und der Fernsehbildschirm den Prominenten makellos bei seiner Arbeit dokumentieren, zeigen Klatschmagazine, dass er ein Mensch mit Schwächen und Verletzungen ist. Das ist das Geschäftsmodell des Boulevard.” Zu diesen Schwächen und Verletzungen gehören offensichtlich auch lebensbedrohliche Krankheiten wie die Magersucht.

UNREFLEKTIERTE URTEILE SIND GEFÄHRLICH

Doch bei einer derart tückischen Krankheit wie der Magersucht sind die unreflektierten und unprofessionellen Diagnosen besonders heikel. “Die Anorexia nervosa ist eine komplizierte Krankheit, die selbst in der wissenschaftlichen Forschung immer noch mehr Fragen als Antworten aufwirft”, sagt Stephan Zipfel, Ärztlicher Direktor der Psychosomatischen Medizin am Universitätsklinikum Tübingen.

Doch kann das Publikum reflektieren, dass hier lapidar berichtet wird? Und welchen Effekt hat diese Berichterstattung? “Die Leserinnen und Leser können sich auf Grundlage der Klatschpresse natürlich kein Bild über die Ursachen und zum Teil lebensgefährlichen Folgen der Magersucht machen”, sagt Guido Zurstiege.

“Die Berichterstattung wird dieser differenzierten Krankheit nicht gerecht.”

Für Helene war genau das reine Folter. Zum einen hat sie sich mit den abgebildeten Frauen verglichen – mit dem Ergebnis noch stärker zu hungern. Zum anderen fühlte sie sich gebrandmarkt: als Frau, die einfach nur einem gesellschaftlichen Trend verfallen ist, einer vermeintlichen Marotte der Stars und Sternchen.

Doch wie kann mit einer derart schwierigen Thematik umgegangen werden? Soll das Thema komplett ausgespart werden? Guido Zurstiege schätzt, dass der Anspruch, die gesamte Komplexität der Anorexia nervosa abbilden zu wollen, die Presse – und zwar auch die Qualitätspresse – überfordern würde. “Doch eines kann man von allen Journalisten verlangen: dass sie die Folgen ihrer Berichterstattung im Auge behalten. So könnten zum Beispiel die scheinbare Anteilnahme und das scheinbare Mitleid der Beiträge einen Werther-Effekt, also einen Nachahmer-Effekt, mit sich ziehen.” Auch im Boulevard-Journalismus sollte es demnach möglich sein, die Gefahren einer Berichterstattung abzuwägen – und dann gegebenenfalls auf ein Thema zu verzichten.

Nach vier Klinikaufenthalten hält Helene seit drei Jahren ihr Normalgewicht. Wenn sie anderen von ihrer Vergangenheit erzählt, schlagen ihr immer noch oft Unverständnis und Vorurteile entgegen. Doch sie hat gelernt, nicht hinzuhören. Boulevardmagazine und deren Webseiten meidet sie so gut es geht, sehnt sich aber eigentlich nach einer anderen Lösung. “Die Hochzeitsbilder von Angelina Jolie und Brad Pitt in der Bunten – die hätte ich schon gerne gesehen”, lacht sie. Doch solange die Gefahr besteht, eine Seite weiter über die angebliche Magersucht von Heidi Klum zu lesen, wird sie darauf verzichten (müssen).