Tagebuch einer Magersüchtigen: “Was ist eigentlich Hunger?"


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Mira ist 20 Jahre alt und leidet seit vielen Jahren an Magersucht. Ihre Krankheit, die ständige Begleiterin, nennt sie “Rexi”. Den schwierigen Weg beschreibt sie in einem Tagebuch. Einige Auszüge aus diesem Buch: 

DIE NÄCHTE

Ich liege auf meinem Bett. Es ist nachts, 3:04 Uhr, um genau zu sein. Ich schaue ständig auf mein Handy und habe dann in dem Moment ein schlechtes Gefühl, weil ich doch schlafen sollte. Wie soll ich den morgigen Tag überstehen, wenn ich keine Minute schlafen konnte?
Die Gedanken kreisen weiter, ich finde keine Ruhe und dann fängt auch noch mein Magen an, weh zu tun. Ich konzentriere mich auf dieses ungute Gefühl in mir und denke nach, ob es Hunger sein könnte. Aber nein, das ist es nicht. Aber was ist eigentlich Hunger?
In dem Moment fängt es in mir an zu brodeln: Wie kann ich meine Zeit mit so vielen, eigentlich völlig unnötigen Fragen vergeuden?
Ich mache krampfhaft die Augen zu, um 5 Minuten später wieder kerzengerade in meinem Bett zu sitzen. Lange starre ich in mein durch die Nacht in schwarz getränktes Zimmer. Es ist so still draußen, denke ich. Ab und zu fährt ein Auto vorbei und ich sitze hier mitten in der Nacht, wie schon die Tage zuvor und lasse die Zeit verstreichen.
Ich hoffe nur, dass der Morgen naht und ich meinen Alltag weiter leben kann.

Das Perfide an der Sache ist eigentlich, dass man ab dem Morgengrauen, wenn alles wieder zum Leben erwacht, wieder wartet, dass man sich in sein Bett kuscheln kann, um zu schlafen.
Als die ersten Sonnenstrahlen mein Zimmer fluten, bin ich scheinbar im Tiefschlaf. Ich höre nur meinen Handywecker, der mich gleichzeitig verwundern lässt, dass ich eingeschlafen sein musste. Wie lange ich geschlafen habe, weiß ich gar nicht, aber ich scheine relativ fit zu sein, denke ich zumindest. Aber eher bewege ich mich wie eine aufgezogene Spielzeugfigur, die einfach den Tag hindurch funktioniert.
Nachdem ich fertig bin, mache ich mir ein Kaffee, wie jeden Morgen. Den erlaubt mir dieses etwas da in meinem Kopf wenigstens noch mit Milch. Sehr großzügig, muss ich schon sagen.

Und nun sitze ich da. Vor ein paar Monaten habe ich mir noch gehetzt Obst oder Gemüse für die Schule geschnippelt, doch jetzt sitze ich in meinem Bett und nippe an meinem Kaffee und entschließe mich, ein wenig Apfel zu essen. Ich knappere ein, zwei Mal daran und damit meine Gedanken nicht weiter kreisen können, schalte ich das Radio an. Ich nehme mir fest vor, mich zusammenzureißen und mein Gute-Laune-Gesicht aufzusetzen, aber heute weiß ich, dass ich es nicht kann. Ich bin wirklich am Ende der Kräfte und verspüre nur eine deprimierende Stimmung in mir. Ich bin sauer, dass ich mich so verändert habe und spüre Wut, dass ich es soweit kommen lassen konnte. Ich habe so eine schlechte, traurige und wütende Stimmung in mir, dass ich gleich los heulen könnte. Aber ich kann es ja nicht, weil ich irgendwie weiter machen muss.
Wie lange, dass weiß ich nicht. Das einzige was ich weiß ist, dass ich funktionieren werde. Bevor ich mich komplett verliere.

LANGSAM VERLIERE ICH DOCH DIE KONTROLLE…

Zugegebenerweise verliere ich nach einiger Zeit bereits die Kontrolle über mein Tun.
Ausschlaggebend ist dafür nicht mein körperliches Gefühl, sondern vielmehr meine Psyche.
Ich habe mich verändert.
Und ich merke, dass da irgendwas Überhand genommen hat, was nicht sein sollte.
Ich ziehe mich innerlich zurück und will oft alleine sein, weil ich nicht die Kraft dazu habe, mich mit meinen Mitmenschen auseinanderzusetzen. Ich fühle mich wie in einem Kokon, der mich abschirmt von der doch so großen Welt.
Innerlich klopft auch täglich meine Vernunft an und gibt mir ebenfalls zu verstehen, dass das an dem Essen liegt, was ich nur noch in kleinen Mengen zu mir nehme, aber ich kann den gut gemeinten Tipp noch nicht so ganz ernst nehmen.

ALLER ANFANG IST SCHWER…

Gerade ringe ich wieder mit mir und weiß gar nicht genau, wofür ich jetzt kämpfen soll. Was für ein Ziel verfolge ich da eigentlich?
Es gibt zwei Seiten in mir, die eine, die gerne weitermachen will und eine, die so sein will wie früher. Und was ist jetzt besser?
Immer und immer wieder sage ich, dass ich sofort wieder normal essen will und alles tue, damit ich es schaffe. Aber das klappt nicht.
Ich versuche, offener mit der Sache umzugehen und rede nun auch mit meinen engsten Freunden darüber, einfach um zu vermeiden, dass ich so weiter mache. Denn ich bin mir sicher, Essstörungen ernähren sich gerade zu von der Geheimhaltung.
Ich schaffe es immer wieder, zu vergessen, dass ich etwas essen sollte. Ich reflektiere es gar nicht erst, weil ich es schlichtweg unwichtig finde. Würde meine Mitbewohnerin mich nicht öfters daran erinnern und mir ins Gewissen reden, würde ich nicht merken, dass gerade was falsch läuft.
Ich gehe für viele (zugegebenerweise für fast alle) Mahlzeiten zu ihr aufs Zimmer, weil ich momentan nicht alleine Essen kann. In meinem Zimmer stochere ich im Essen herum und habe keine Lust es durchzuziehen und wirklich zu essen.
Ich fühle mich dabei manchmal wie jemand, der die Verantwortung für sich selbst nicht tragen kann. Es ist so komisch, dass ich nicht auf mich selbst achten kann und immer wieder jemanden brauche, um mich aufzuraffen, etwas zu essen.
Aber eins spüre ich, mein Wille muss größer sein, es schaffen zu wollen, denn ich kann die Erinnerungen an das Essen und die Ideen annehmen, ohne dabei genervt zu sein und abzustreiten, dass ich nichts ändern müsste.

UND MAN KANN IMMER WIEDER NEU BEGINNEN

Meine Stimmung ist am absoluten Nullpunkt und immer wieder denke ich, dass ich dagegen an arbeiten will und schiebe kurzzeitig die Gedanken weg, bis sie mit einem großen Schwung zurückkommen.
In der Schule sagt jemand ich sehe depressiv aus, blass und ich wäre so still, was nicht zu mir passt. Eigentlich sollte es mich aufrütteln, kommt es mir in den Kopf. Aber ich habe gerade einfach keine Lust mich zusammenzureißen, um irgendeine Fassade zu wahren.
Im Endeffekt ist es mir sowieso egal was sie denken, weil es meine eigene Sache ist.
Ich kann gar nicht sagen, ob ich aus Disziplin nichts esse, oder weil ich einfach so schlecht drauf bin. Ich finde keine Antwort darauf und es ist einfach ermüdend, eine Antwort darauf zu suchen. Scheinbar gibt es die gerade auch gar nicht.


Von außen reden mir die Menschen, die es wissen sehr gut zu und schaffen es dadurch, dass ich mich nochmals aufraffe, dagegen an zu arbeiten.
Es klappt nicht alles gleich auf Anhieb, weil ich schon wieder vergesse, etwas essen zu müssen oder nicht weiß, was ich essen könnte.
Nachdem ich mir nun schon körperlich merke, dass ich wieder den absoluten Blödsinn getrieben habe, esse ich, zwar ohne Appetit mein erstes, warmes Essen die Woche: Spinat. Aus anfänglicher Unsicherheit esse ich doch die Schale auf und merke, dass es mir einfach nur gut danach geht. Die Bauchweh, die mich anfangs noch irritiert haben, ordne ich Rexi zu, die mich einfach nur ärgern will. Aber ich ignoriere es, indem ich mich auf meinen Schulkram stürze, der mich sowieso den kompletten Nachmittag einnimmt.
Nachdem ich eine ganze Weile gearbeitet habe und erneut meine Zeilen hier von Anfang an lese, kommt mir der Gedanke, dass ich mir Müsliriegel machen könnte.

Ich bin mit eine mal überrascht, dass meinem Köpfchen da oben so etwas einfällt. Scheinbar haben meine grauen Zellen da oben sich in einer großen Mannschaft zusammen getan und mein Zimmer gescannt, sind auf den großen Behälter mit Haferflocken gestoßen und haben alle Variationen für Haferflocken in den Schublaben meiner Gehirnmaße rausgesucht. Schlussendlich wissen sie, dass ich Haferflocken liebe und selbstgemachte Müsliriegel (Danke nochmal, ihr grauen Zellen da oben!)
Ohne nur einmal an Rexis doofe Stimme zu denken, lasse ich alles stehen und liegen. Wenn ich mir nicht jetzt sofort selbst Müsliriegel mache, dann ja wohl nie wieder. Alles was ich finden kann, packe ich auf meinen Tisch und bin zum ersten Mal in dieser Woche zufrieden mit meinem Plan.
Ich versuche, alle Sachen mit beiden Armen zu transportieren und komme euphorisch in der Küche an. Ohne jegliches Nachdenken mache ich alles so, wie ich das will und nicht so wie Rexi. Weil Rexi eigentlich gar nichts zu sagen hat, sie muss es ja schließlich auch nicht essen.
Ich habe nicht mal ein genaues Rezept und nehme Apfelsaft, Kokosmilch, Zitronensaft, Marmelade und Honig. Ich weiß nicht wie es werden wird, aber ich kann es kaum erwarten.

Meine gute Laune wirkt wie befreiend und ich habe das Gefühl, etwas Richtiges zu tun. Ich finde es so erstaunlich, dass Rexi nicht gegen meine gute Laune ankommt und ich es auch nicht zu lassen werde.
Die Müsliriegel sind nach 15 Minuten fertig und in der Zwischenzeit habe ich ein erneutes Blech in den Ofen geschoben, bei dem ich mich mehr getraut habe. Ich habe meine längst vergessene Mandelcreme auf die Riegel gestrichen, Schokoladenstücke drauf verteilt und Himbeermarmelade, sowie Honig. Ein zauberhafter Duft hat sich in der Küche verbreitet und ich fühle mich wie ein kleines Kind, dass auf den Weihnachtsmann wartet. Ich freue mich, dass so viele meiner Mitbewohner auch in der Küche sind, sie wissen es zwar nicht, aber ich kann diesen für mich wunderbaren Moment mit ihnen teilen, zum ersten Mal nach der Woche etwas so wunderbar Richtiges zu tun und zu essen. Ich kann dieses Gefühl gar nicht auf ein Blatt Papier bringen, weil es so viel mehr ist, als nur ein Riegel. Er bedeutet, dass ich wieder den ersten Schritt getan habe, dass ich wieder auf der richtigen Spur bin.
Und er schmeckt, er schmeckt mir einfach so unglaublich gut und ich habe ihn ohne Einschränkungen gebacken. Um es mir zu beweisen, esse ich mehrere. Vielleicht im Nachhinein ein paar zu viele, weil ich immer noch nicht ganz stabil bin. Aber ich fühle nur, dass es zu viel ist, mehr nicht. Ich denke nicht darüber nach, weil es unwichtig ist. Ich spüre nur, wie ich mit eine Mal fitter werde und es sich nicht schlecht anfühlt. Es ist so schön, dass ich gerade wieder so etwas wie Glück verspüre und wirklich aus dem Herzen Freude zeigen kann, ohne eine Maske zu tragen.
Es stimmt schon, dass man sich wundert, dass man so Stimmungsschwankungen hat und ich habe auch an diesem Abend manchmal mit mir gerungen, ob ich mir gerade etwas vormache oder es träume. Aber man sollte es einfach zulassen, weil glücklich sein nicht falsch sein kann.

REXI FLIEGT INS UNBEKANNTE NICHTS

An dem Abend habe ich auch noch etwas getan, was mir aus heiterem Himmel einfiel.
Ich habe einen Luftballon genommen, ihm ein Gesicht und den Namen Rexi gegeben.
In unserem Wohnheim gibt es eine Art Luftschacht, von dem aus alle Stockwerke mit den Küchen und Toiletten abgehen.
Ich habe diesen Luftballon also genommen und ihn nach unten in die Tiefe befördert. Erst konnte ich ihn noch in der Dunkelheit nach unten schweben sehen und dann habe ich ihn nicht mehr gesehen. Er ist unten angekommen und sofort ins Schwarz getränkt worden. Er ist für mich nicht mehr sichtbar und nicht mehr greifbar. Er liegt zwar da unten noch im Dunkeln, aber er kann nicht mehr hochkommen und ich kann ihn nicht mehr greifen.
Rexi ist also gegangen, weil ich Rexi rausgeschmissen habe.
Vielleicht wird Rexi nochmal versuchen hochzukommen, aber dann muss sie erstmal den Weg hoch erklimmen. Ich werde ihr jedenfalls nicht mehr dabei helfen, weil ich sie nicht brauchen werde. Sie wird es vielleicht bis zum Fenster meines Stockwerkes schaffen und sich erkennbar machen, aber ich muss das Fenster nicht aufmachen. Ich kann es verschlossen lassen oder aufmachen und Rexi einfach weg pusten, mit aller Kraft die ich in mir habe. Und vielleicht wird dieser Windzug dann einmal so groß sein, dass ich nicht mal mehr weiß, dass Rexi da unten im verborgenen schlummert und wartet, dass ich ihr eine Chance gebe. Vielleicht wird sie auch einfach irgendwann platzen und nur noch ihre kleinen Einzelteile werden zu finden sein, die mich an sie erinnern lassen.
Aber eins hoffe ich aus tiefstem Inneren, dass sie nicht mit einem Windhauch zu jemand anderem fliegt. Das sie diesem jemand mit einem Lächeln gegenüber steht und er das Fenster für Rexi öffnet und sie bei sich reinlässt.
Sie will vielleicht Anfangs nichts Böses, aber sie will zu viel von dir und das musst du ihr nicht geben.
Es macht Dich so unbefangen, weil Rexi Dich so fest umarmt, dass Du dich nicht lösen kannst. Eigentlich gibt es nur noch Dich und Rexi, weil nicht mehr viel von Dir übrig bleibt, weil sie den Platz einnimmt, der Dich vorher ausgemacht hat.
Sie engt Dich so ein, dass Du dich selbst nicht mehr spüren kannst.
Irgendwann stellst Du dir die Frage, wo Du geblieben bist.