“Du siehst toll aus” – Gibt es eine Wunderheilung bei Magersucht?


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Sarah ist 23 Jahre alt und leidet seit ihrem 13. Lebensjahr an Magersucht. Den langen Weg aus der Krankheit verarbeitet sie auf ihrem Blog “Alice ohne Wunderland”. Ein Gastbeitrag:

„Du schaust ganz super aus so. Viel, viel besser. Richtig gesund.“ Meine Freundin M. strahlt über beide Ohren, als sie mich nach guten 18 Monaten zum ersten Mal wieder sieht. Ich nicke erst mal, schlucke ganz tief und versuche zum Dank zu lächeln.

Richtig gesund also. Was für den Rest der Welt wie ein Kompliment klingt, hört sich für mich beschämend und grauenvoll an

Als mir meine Oma beim ersten Wiedersehen nach meinem Klinikaufenthalt in die Wangen kniff, habe ich innerlich ganz langsam bis zehn gezählt. Und dann gleich noch einmal. „Bleib ganz ruhig!“, habe ich mich selbst beschwichtigt und nach außen hin keine Miene verzogen.
Als meine Mutter zwei Wochen später freudestrahlend von meinem gesunden, satten Teint schwärmt, rast mein Puls auf 180. In Gedanken brülle ich so laut ich kann.

In meiner anorektischen Welt bedeutet gesund nämlich nicht gesund. Gesund bedeutet nicht, zufrieden, erholt, frisch oder lebendig auszusehen. Bei dem Wort “gesund” ploppt in meinem magersüchtigen Hirn unweigerlich und automatisch der leibhaftige Schrecken in Person auf. Ein kleines rundes, pummeliges, wohlgenährtes, kräftiges und kompakt aussehendes Mädchen, das zwischen den prallen rosa Bäckchen seine Zähne zeigt und einen Arm in die ausladende Hüfte stemmt. Eine kurvige, dralle, vollbusige Dame, mit starken Oberarmen und leichtem Doppelkinn, Bauchansatz und Hosengröße 42. Wie die Cornflakespackung-Vintage-50er Jahre Hausfrau mit der Lockenfrisur.

Vor meinen Augen schwellen meine Brüste auf das Doppelte an, die Nähte der weißen Bluse beginnen zu spannen und meine Hose schneidet in die Schenkel ein

Meine Wangen beginnen sich zu füllen und meine Oberarme beim Gehen zu wackeln. Das Gefühl ist unerträglich.

Einer Essgestörten zu sagen, sie sehe nun wieder gesund aus, ist womöglich eines der größten Missverständnisse in der Kommunikation. Es ist kein Kompliment. So unverständlich und absurd es auch klingen mag – es ist das komplette Gegenteil.

Auch die subtile Version fühlt sich wie ein Schlag ins Gesicht an. „Für mich bitte den großen Latte Macchiatto!“ Die Bedienung holt aus: „Low-Fat oder normal?“ Klatsch! Volltreffer. „Low-Fat bitte (bitte nicht. Schmeckt zum Kotzen).“ Die Magersucht in mir traut sich nicht, auf ihren anständigen Latte Macchiatto zu bestehen. Zu beschämend ist die Vorstellung, dass mich die gute Frau für gierig halten könnte.

Hätte ich den Low-Fat Kaffee nicht nötig, hätte sie sicher nicht danach gefragt

Vor zwei Jahren noch, wäre diese Frage unmöglich gewesen. Die mitleidigen Blicke im Café, wenn ich am schwarzen Kaffee genippt habe oder wenn alle angestrengt versucht haben wegzuschauen, während ich die Kuchen an der Auslage mit Faszination gemustert habe. Niemals hätte mich jemand auch nur annähernd so etwas gefragt. Aber jetzt, da ich wieder gesund, ja fast schon ZU gesund aussehe, da ist diese Frage völlig berechtigt. Ich bin eine ganz normale, junge Frau, die mit ihrer Freundin im Café sitzt und einen Latte Macchiatto bestellt. Eine Frau, die vielleicht auf ihre Ernährung achtet oder ihre Vorbereitungen für die Sommerfigur 2015 eingeleitet hat. Eine völlig berechtigte Frage also.

Fernab von oberflächlichen Äußerlichkeiten bedeutet die Gesundheit und Normalität noch etwas anderes: Mein Sonderstatus wurde mir nun endgültig aberkannt. Ich muss nun nichtmehr in Watte gepackt werden.

“Ich bin wieder eine von vielen”

Und das Bedrohlichste daran: Ich bin nichtmehr sicher von den Widrigkeiten des normalen Alltags. Ich kann wieder kritisiert werden, bin wieder verletzbar und muss wieder für mich selbst einstehen. Ich habe jetzt wieder genug Ressourcen dafür, genug Kraft und genug Energie. Ich bin gesund und kräftig und brauche keine Krücken mehr. Und gerade deshalb, weil ich alles andere als stabil bin, ist es unerträglich so bezeichnet zu werden. Es macht Angst und Druck. Gesund zu sein, bedeutet so viel mehr, als „nicht mehr krank“ zu sein.

Vor allem wenn der Kopf es noch ist.