Gastbeitrag: Guter Apfel, schlechter Apfel


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Sarah ist 21 Jahre alt und leidet seit ihrem 13. Lebensjahr an Magersucht. Den langen Weg aus der Krankheit verarbeitet sie auf ihrem Blog “Alice ohne Wunderland”. Ein Gastbeitrag:

“Essgestörte machen komische Dinge. Sehr, sehr komische Dinge. Meistens merken sie dabei aber gar nicht, wie komisch das Ganze eigentlich ist. Heute im Supermarkt ertappte ich mich, wie ich einer offensichtlich essgestörten Frau beim “Lebensmittelshopping” fasziniert für geschlagene zehn Minuten zusah.

Am Obstregal stand sie und starrte minutenlang auf die grünen Äpfel. Hob sie hoch, drehte sie, betrachtete sie von nah und fern. Legte sie wieder zurück. Machte das noch mehrere Male mit den anderen. Ging zur Lebensmittelwaage um sie abzuwiegen, nur um sie dann wieder zurückzulegen. Und noch einmal.

Irgendwann hatte sie den perfekten Apfel gefunden.
Geschätzte 120 Gramm. Wenn man ihn schält, 110.

Wenn man die Kerne und ein bisschen Fruchtfleisch entfernt, kommt man genau auf die 100. Die magische Zahl. Zufrieden legte sie ihn in ihren großen, schwarzen Einkaufskorb und zog weiter in Richtung Gemüse.

Nur zu gut kann ich mich noch daran erinnern. Lebensmittelshopping ist eine Art Shoppingtour durch den Supermarkt. Überall lauern sie, diese hinterlistigen aber so wohlschmeckenden Leckereien und warten darauf von mir gekauft und verzehrt zu werden. Das Lebensmittelshopping kann einerseits der ultimative Kick sein, wenn man es mal wieder schafft all den Verlockungen zu widerstehen. Oder aber die Befriedigung der eigenen Sucht. Essen, Lebensmittel, Süßes, Salziges, Chips, Eis, Gemüse, Obst. Im Kopf eines jeden Essgestörten geistern diese Begriffe unweigerlich herum, 24 Stunden am Tag, 7 Tage die Woche.

Der Supermarkt ist das Mekka der Essgestörten.
Der Ort an dem sich all diese faszinierenden Nahrungsmittel aufhalten.

Nichts ist spannender als stundenlang den Kaloriengehalt diverser Packungen zu studieren, den Fettgehalt von Light-Käse zu vergleichen oder zufällig auf ein neues, noch kalorienärmeres, Produkt zu stoßen. Nichts bereitet mehr Freude als anderen dabei zuzusehen, wie sie die Weight-Watchers Produkte mit den vermeintlichen 0,1 Prozent Fett in den Warenkorb legen und sich nicht darüber im Klaren sind, dass dafür der Kohlenhydrat-Anteil um ein Doppeltes erhöht wurde. Alles Zucker pur. Da hilft auch das Fett nicht mehr. Und ihr fallt darauf rein. Ha, Ha!

Nichts ist beruhigender als den wunderschönen Kirschen beim Einfach-So-Daliegen zuzuschauen. Sie sehen so friedlich aus. Ach, ihr süßen, kleinen Dinger.

Nichts verschafft mehr Bestätigung als durch die “verbotenen Gänge” zu schlendern und dem Feind ins Auge zu blicken. Dir zeige ich’s, Schokolade! Ich brauche dich nicht. Das ultimative High. Man ist völlig im Rausch.

Essen ist die Droge – auch wenn sie nicht konsumiert wird.

So krank das leider auch klingt, es ist die hässliche Wahrheit. Lebensmittelshopping ist nicht irgendeine Eigenart meinerseits, sondern gängiges Ritual bei Essgestörten. Ich verbrachte halbe Tage im Supermarkt, nur um ihn dann ohne etwas gekauft zu haben wieder zu verlassen. Ich verlor mich selbst zwischen den Regalen, tigerte stundenlang hin und her wie ein streunender Hund auf Nahrungssuche. War völlig im Wahn.

Manchmal dann, wenn ich mich dann doch für ein Produkt entscheiden konnte, fiel mir auf dem Weg zur Kasse etwas an ihm auf. Irgendein Makel, irgendwas das nicht gut an ihm war. Zu viel Fett. Nicht groß genug für eine Mahlzeit. Verpackung schaut nicht hübsch genug aus. Da gab es immer irgendetwas, das es “unkaufwürdig” machte. Das seinen Wert ins Unermessliche sinken ließ. Also brachte ich es wieder zurück, ist auch besser so.

Ich brauche das nicht.

Als ich an der Kasse meine sorgfältig ausgesuchten Lebensmittel von gesund bis unsgesund auf dem Warenband sortiere und drappiere, sehe ich die Frau im Augenwinkel die Kasse links neben mir anvisieren. Sie läuft zögernd auf die Schlange zu. Ein kurzer Blick in den Korb – er ist leer. Bis auf eine durchsichtige Plastiktüte. Der perfekte Apfel liegt darin. Stolz legt sie ihn auf das Band, er gehört jetzt ihr. Kein anderer kann ihn mehr haben. Was für ein Schnäppchen. Die Shoppingtour war erfolgreich.”