"Magersucht lässt sich überwinden"


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Viele Menschen mit Anorexie denken pausenlos ans Essen. Ihre Gedanken kreisen um ihr Gewicht, um Kilos, um Kalorien. Professor Michael Schulte-Markwort vom Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf erklärt, warum manche Frauen „anfälliger“ sind als andere, die Krankheit zu entwickeln und was helfen kann, damit sie gar nicht erst magersüchtig werden. 


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Zur Person

Professor Schulte-Markwort © Nina Grützmacher

Professor Michael Schulte-Markwort, geboren 1956 in Osnabrück, leitet die Abteilung für Kinder- und Jugendpsychosomatik im AKK Altonaer Kinderkrankenhaus und ist Ärztlicher Direktor der Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie, -psychotherapie und -psychosomatik des Universitätsklinikums Hamburg-Eppendorf (UKE). Zusammen mit der Fachärztin Sabine Zahn schrieb er den Ratgeber „Magersucht. Effektive Hilfe für Betroffene und Angehörige“. Das Buch wurde 2011 im Patmos Verlag veröffentlicht.


In Frankreich braucht jedes Model seit Mai 2017 eine Bescheinigung vom Arzt, die belegt, dass sie kein gefährliches Untergewicht hat. Können Gesetze wie dieses verhindern, dass junge Frauen falschen Schönheitsidealen nacheifern und magersüchtig werden?

Die Absage an den Magermodel-Trend finde ich gut. Zu glauben, dass nun keine Frau, kein Mädchen mehr magersüchtig wird, wäre jedoch naiv. Anorexie ist keine Modeerkrankung, die allein durch unsere westlichen Schönheitsideale ausgelöst wird. Magersucht gibt es seit Jahrhunderten und die Zahl der Erkrankten ist über die Zeit relativ stabil geblieben. Selbst in Kriegszeiten entwickeln gut ein bis drei Prozent der Frauen diese Essstörung.

Woran liegt das?

Aus Zwillingsstudien wissen wir, dass an der Entstehung der Magersucht zu etwa 60 Prozent die Gene verantwortlich sind. Wachsen eineiige Zwillinge getrennt auf und entwickelt eines der Mädchen eine Anorexie, war dies bei der Schwester zu 80 Prozent ebenfalls der Fall. Bei zweieiigen Zwillingen lag die Quote bei gut 25 Prozent. Das heißt jedoch nicht, dass eine Frau, die eine genetische Veranlagung zur Anorexie hat, dann auch magersüchtig wird. Sie ist nur vulnerabler, also „anfälliger“.

Auf diese Frauen haben dünne Models oder Sendungen wie „Germanys Next Top Model“ also eine besonders starke Wirkung.

Richtig. Ebenso wie der Trend des bewussten und kontrollierten Essens, der uns durch die Medien vermittelt wird. Tatsächlich sind rund fünf Prozent der in Hamburg eingeschulten Kinder untergewichtig. Das ist per se noch nicht schlimm oder krank, zeigt jedoch, wie sehr Eltern mittlerweile auf die Ernährung ihrer Kinder achten.

Die Anorexie, sagten Sie, ist seit Jahrhunderten bekannt. Dennoch zeigen Langzeituntersuchungen, dass bis zu 20 Prozent der Betroffenen an den Folgen der Erkrankung sterben – an Mangelernährung, an Herzrhythmusstörungen, durch Suizid. Wie kann das sein?

Die Entstehungsmechanismen einer Magersucht sind komplex und dementsprechend schwierig ist ihre Behandlung. Ein großes Problem ist beispielsweise die oft fehlende Krankheitseinsicht der Patientinnen. Grund hierfür ist auch das gestörte Körperbild: Viele Mädchen, bei denen man die Knochen sieht, glauben trotzdem, sie wären dick.

Wie zeigen Sie ihnen, dass sie das nicht sind? Sich vor den Spiegel zu stellen, reicht vermutlich nicht aus.

Stellt man sich mit dem Mädchen zusammen davor, kann dieser direkte Vergleich durchaus helfen. Eine andere Methode ist, dass wir sie auf einem Blatt Papier ihre Silhouette zeichnen lassen. Danach legen sie sich auf ein zweites – diesmal transparentes – Blatt und der Therapeut zeichnet ihren Körper um sie herum nach. Legen die Mädchen die beiden Papiere anschließend übereinander, sehen sie die Diskrepanz. Das Wichtigste ist jedoch: Je früher wir die Anorexie erkennen, desto besser sind meist auch die Heilungschancen.

Wann wird die Krankheit chronisch?

Dafür existieren keine einheitlichen Kriterien. Einige Wissenschaftler machen es an der Zeit fest und sprechen von sechs bis zwölf Monaten. Für andere entscheidet die Anzahl der Klinikaufenthalte – wissenschaftlicher Konsens ist das jedoch nicht. Auch bei der Bezeichnung „chronisch“ gehen die Meinungen auseinander. In den USA wird der Begriff beispielsweise kaum noch verwendet. Die Mediziner dort sprechen stattdessen von „long lasting“, also „langanhaltend“.

Um die Betroffenen nicht zu stigmatisieren.

Richtig. Ich finde das jedoch artifiziell. Ich bin dafür, die Dinge beim Namen zu nennen. Aus der Arbeit in der Psychiatrie wissen wir, dass wir Krankheiten nicht entstigmatisieren, indem wir sie umbenennen oder verniedlichen. Entscheidend ist der offene Umgang. Außerdem bedeutet chronisch nicht, dass eine Frau die Krankheit nie wieder loswird. Auch nach zehn Jahren schwerer Magersucht können Betroffene die Erkrankung noch überwinden.

Sie sprechen davon, die Magersucht zu überwinden. Was bedeutet das konkret? Können betroffene Frauen tatsächlich geheilt werden oder lernen sie nur, mit der Krankheit zu leben?

Beides ist möglich. Einige der ehemaligen Magersuchtpatientinnen schaffen es, ein gesundes Gewicht zu halten. Ihre Gedanken kreisen jedoch weiterhin ums Essen – sie sind also nicht geheilt, haben ihre Essstörung jedoch mehr oder weniger im Griff. Bei anderen ist die Krankheit tatsächlich vollständig remittiert, also ohne Symptome. Die Besserung macht sich selbst im Gehirn bemerkbar.

Wie meinen Sie das?

Patientinnen mit starker Anorexie nehmen auch im Gehirn ab. Das nennen wir dann eine Hirnatrophie, ihr Gehirn wird also kleiner. Bekommen die Frauen ihre Magersucht in den Griff und nehmen sie wieder zu, entwickeln sie auch wieder mehr Gehirnmasse.

Stimmt es, dass viele Menschen mit Magersucht irgendwann ihr Hungergefühl verlieren? 

Das halte ich für einen Trugschluss. Es stimmt: Hungern verändert die Kommunikation zwischen Gehirn und Magen- und Darmtrakt. Trotzdem haben auch Menschen, die seit Jahren magersüchtig sind, noch Hunger. Sonst würden sie auch nicht immer so unglaublich viel Wasser trinken oder sich mit Kaugummikauen ablenken. Letztendlich ist das Hungergefühl jedoch etwas äußerst Subjektives und damit schwer messbar. In der Behandlung ist die Hungerthematik auch nicht so entscheidend.

Die Körperbildstörung haben Sie bereits angesprochen. Gibt es bei Anorexie noch etwas, was besonders schwer zu therapieren ist?

Zum Beispiel die Hyperaktivität, also der starke Bewegungsdrang. Mit einem Gewicht, bei dem die meisten von uns nur noch im Bett liegen würden, gehen viele der Mädchen und Frauen Joggen – und zwar exzessiv. Ich hatte mal eine 14-jährige Patientin, die fing, sobald wir sie aus den Augen ließen, an zu hüpfen. Nicht nur ein bisschen auf und ab, sondern 30 bis 40 Zentimeter hoch. In solchen Fällen helfen tatsächlich nur Neuroleptika.

Ein Bewegungsverbot hilft nicht?

Nein. Selbst wenn wir diese Patientinnen am Bett fixieren, würden sie ihre Muskeln weiter an- und entspannen.

Woher kommt diese Hyperaktivität?

Zu Anfang ist es der Versuch, so viele Kalorien wie möglich zu verbrennen – ein Drang, der sich irgendwann verselbstständigt.

Wie lässt sich einer Magersucht vorbeugen?

Hilfreich wäre ein anderes Schönheitsideal, das schlanke Menschen nicht idealisiert. Das können Familien jedoch kaum beeinflussen. Deshalb ist es wichtig, dass Kinder ein entspanntes Verhältnis zum Essen entwickeln. Eltern sollten daher darauf achten, Essen nicht zu stark zu thematisieren. Nimmt ein Mädchen in der Pubertät zu, hat sie Probleme mit ihren Brüsten oder wird sie wegen ihres Äußeren gehänselt, sollten Eltern das ernst nehmen, ihr erklären, was gerade mit ihrem Körper geschieht und sie in dem Prozess begleiten.

Kinder und Jugendliche müssen also einen gesunden Selbstwert und ein gutes Körpergefühl entwickeln.

Ganz genau – und das ist nicht nur die Aufgabe der Eltern, sondern auch der Medien.

Das Interview ist zuerst im IPG Gesundheitsmagazin erschienen.