„Warum ist meine Scheibe Brot größer?"


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Wie sieht der Alltag in einer psychosomatischen Klinik für Essstörungen aus?  Und wieso ist so schwer, die Krankheit loszulassen? Kristi* leidet selber an Magersucht und erzählt. 

Morgens 7 Uhr in der psychosomatischen Klinik für Essstörungen. Ich stehe in der Schlange vor dem Stationszimmer. Es ist „Wiegetag“. Heute entscheidet sich, ob ich mein sogenanntes Wochenziel erreicht habe. 500 Gramm muss ich zunehmen. Nur dann darf ich die Station verlassen, die Treppen benutzen, anstatt immer Fahrstuhl zu fahren. Nur dann erhalte ich die Chance, das „betreute Essen“ zu verlassen.

Das betreute Essen: für einen Außenstehenden wirkt diese Szenerie unwirklich, „crazy“, irgendwie gruselig. In einem abgetrennten Bereich des Speisesaals stehen lange Tische mit voll gepackten Tablettes. Wir alle haben unseren Platz, wo „unser“ Teller steht. Jede Patientin (zurzeit sind wir nur Frauen zwischen 20 und 45 Jahren) hat mit den „Diäties“ ihren eigenen Ernährungsplan vereinbart. Die Küche stellt die Mahlzeiten zusammen, die wir dann „nur“ noch essen müssen. Unter Aufsicht versteht sich, denn ohne Kontrolle würden Brötchen, Wurst oder Käse leicht in der Hosentasche verschwinden oder die Butter ins Taschentuch geschmiert.

Wir haben Angst vor dem Kontrollverlust

Rückblende, das Frühstück gestern morgen: Ein bereits gedeckter Tisch, ein angenehmer, netter „Service“, gerade in der Früh. Jeder „Normalesser“ würde sofort und ohne zu zögern ins fertig geschmierte Brötchen beiße. Wir allerdings haben Angst vor dem Kontrollverlust. „Was, wenn die Küchenhilfe sich beim Portionieren meines Müslis verzählt hat?“ „Warum ist meine Scheibe Brot größer als die meiner Tischnachbarin?“ Anorexiepatienten (so der Fachbegriff für Patienten, die an „Anorexia nervosa“ - der Magersucht- erkrankt sind) vergleichen sich ständig und überall. Um mich herum sind ängstliche Stimmen zu hören. Auch meine Tischnachbarin hebt die Hand: „Sind das wirklich nur drei Esslöffel Müsli?“, fragt sie die Ernährungsberaterin panisch.

Ich rolle innerlich mit den Augen. Diese Phase habe ich hinter mir. Ich habe gelernt, zu vertrauen. Ich habe verstanden, dass ein paar Körner mehr oder weniger nichts ausmachen. Aber auch mich plagen negative Gefühle. Ich hasse das Völlegegühl nach den Mahlzeiten, den angeschwollenen Bauch und die Schmerzen. Mein Magen gewöhnt sich nur langsam wieder an regelmäßige Mahlzeiten. Hier esse ich sechs kleine Mahlzeiten am Tag, nachdem ich jahrelang gehungert habe.

Ich brauchte das Gefühl, Kontrolle über meinen Körper zu haben

Warum ich das getan habe? Ich versuche hier in der Klinik die Ursachen meiner Erkrankung zu finden. Bei mir gab es keine Misshandlungen oder traumatische Erlebnisse wie bei vielen Mitpatientinnen. Ich hatte eine glückliche Kindheit, eine tolle Familie. Ich war eine gute Schülerin. Aber ich war mir selbst nie genug. Ich hielt mich nicht für besonders. Ich wollte etwas, das nur MIR gehört, das ich „kontrollieren“ kann. Die Kontrolle über meinen Körper, über mein Gewicht und mein Essverhalten. Hier hatte ich „Macht“, während die Welt um mich herum zerbrach. Die Ehe meiner Eltern bröckelte und ich sah hilflos zu. Ich versuchte zu vermitteln, saß zwischen zwei Stühlen und musste doch erkennen, dass ich scheitern würde.

*Name von der Redaktion geändert.

 Meine „Unfähigkeit“, die Probleme um mich herum zu lösen, stürzten mich immer tiefer in die Magersucht. HIER war ich immerhin „erfolgreich“, so dachte ich. Denn in Wahrheit hatte ich längst nichts mehr unter Kontrolle. Ich war zu einer Gefangenen der Anorexie geworden, war blind für alle Warnungen meines Umfeldes. Als ich meinen schrecklichen Irrtum dann begriff, war es fast zu spät. Irgendwann wachte ich an einen piepsenden Monitor verkabelt, mit einem Schlauch in der Nase (eine Magensonde, die mich künstlich ernährte) auf der Intensivstation auf. Ich sei bewusstlos gewesen, erzählten mir die Ärzte später.

Ich kämpfe, um zu leben

Kein Einzelfall, denn rund 10 bis 15 Prozent der Anorexiepatienten sterben an den Folgen der Krankheit - aufgrund körperlicher Folgeschäden oder auch durch Suizid. Oft sind es schwere Depressionen, die einen Essgestörten in den Selbstmord treiben. Damit ist die Magersucht die psychosomatische Krankheit mit der höchsten Sterblichkeitsrate. Aber ich will LEBEN und darum kämpfe ich.

„Die Nächste bitte“, sagt die Krankenschwester, als sich die Tür zum Wiegezimmer öffnet. Wie ich es hasse, mich vor einer Wildfremden bis auf die Unterwäsche zu entblößen. Ich fühle mich ausgeliefert und vollkommen schutzlos, auf eine bloße Zahl reduziert. Aber wie sollen die Ärzte den Therapieerfolg sonst feststellen als anhand des Gewichtes? Also lege ich meinen Bademantel ab, ziehe meine Socken aus und steige auf die kalte Metallplatte. Dabei fällt mein Blick auf meine blauen Zehen - Durchblutungsstörungen, sagen die Schwestern.

Die „gesunde Seite“ freut sich, die „kranke“ rebelliert

Ich schaue auf die Anzeige und registriere eine Gewichtszunahme. Ich habe mein Wochenziel erreicht. Die „gesunde Seite“ in mir freut sich, denn das bedeutet, ich darf ab heute meine Zwischenmahlzeiten unbetreut einnehmen. Ein erster Schritt in Richtung Selbstständigkeit, auf die ich lange hingearbeitet habe. Aber die „kranke“ Stimme rebelliert. Die Anorexie in mir will überleben. Sie ist ein Parasit, der sich in mir eingenistet hat. Lange waren wir untrennbar miteinander verbunden. Je mehr ich mich von meiner Umwelt isolierte, desto stärker und enger wurde unsere „Beziehung“.

Zeit, das Band zu durchtrennen. Die erste Zwischenmahlzeit unbetreut ist gleichzeitig die erste große Bewährungsprobe für mich. Die Versuchung, die Mahlzeit einfach wegzulassen, ist groß. Ich bin noch lange nicht gesund. Deswegen bin ich hier, zusammen mit rund 60 anderen Frauen. Denn Essstörungen sind keine „Klein-Mädchen-Krankheit“. Niemand von uns will aussehen wie Heidi Klum. Die Medien für Essstörungen verantwortlich zu machen, ist zu einfach. Als seien wir zu dumm, die falschen Schönheitsideale zu begreifen! Nein, Essstörungen haben seelische Ursachen, sind auf tiefe innerliche Konflikte zurückzuführen. Wir alle müssen lernen, andere Lösungen zu finden als das Hungern! 

Ich ziehe meinen Bademantel wieder an und gehe in mein Zimmer. Gleich gibt es Frühstück - der Kampf beginnt von vorn!

Dieser Text ist unter dem Titel „Die Anorexie in mir will überleben“ zuerst bei Edition F. erschienen.