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Heidi Klum ist nicht der Grund

Kaum eine andere psychische Erkrankung wird in unserer Gesellschaft so missverstanden wie die Magersucht. Glaubt man den Berichterstattungen der Boulevardmedien, haben Betroffene nur eines vor Augen: ein extrem dünnes Schönheitsideal. Doch das ist zu kurz gedacht. Menschen mit Anorexie besiegen eine biologische Funktion: den Hunger.

Fünf Jahre lang litt Helene* (30) an Magersucht. Eines hat sie in dieser Zeit immer begleitet: das Gefühl, sich rechtfertigen und erklären zu müssen. Selten nahmen andere ihre Essstörung als eine ernstzunehmende Krankheit wahr. “Immer wieder hörte ich: ‚Du siehst auch noch hübsch aus, wenn du mehr wiegst.’” Dabei ging es Helene niemals darum, hübsch zu sein – im Gegenteil: “Ich wollte mich gezielt hässlich machen.” In den extremsten Phasen vernachlässigte sie sich fast vollständig, aß, trank und wusch sich nicht mehr. Sie verletzte sich selbst, zerkratzte ihre Arme, ihre Beine und sogar ihr Gesicht.

“Und trotzdem dachten viele, ich wolle aussehen wie Kate Moss.”

Woher kommt dieses verzerrte Bild der Magersucht in unserer Gesellschaft? Eine Antwort darauf ist die zum Großteil eindimensionale Berichterstattung der Medien, insbesondere die der Boulevardmagazine: Germany’s Next Topmodel als Sündenbock, Size Zero als Ansporn zu hungern. Doch so einfach ist es nicht. Anorektikerinnen und Anorektiker schaffen es, dem Lebenstrieb Nahrungsaufnahme zu entsagen – der Grund für diese Kompetenz kann nicht Heidi Klum sein.

Verfallen wir alle dem Magerwahn?

Viele Menschen verstehen nur schwer oder gar nicht, wieso jemand selbstbestimmt (ver)hungert. Aus diesem Unverständnis heraus wird nach einem Grund gesucht. Irgendeinen muss es doch geben. Auch Helene erlebte immer wieder, wie ihre Mitmenschen händeringend nach einer Erklärung suchten. “Ständig sollte ich die Frage nach dem Warum beantworten. Aber ich hatte keine Antwort. Das hat viele verunsichert. Wahrscheinlich hätten sie gerne gehört, dass ich mich einfach zu fett fühle. Das wäre zumindest eine greifbare Begründung gewesen.”
Viele Medien liefern diese Erklärung bereitwillig. Beiträge mit reißerischen Titeln wie “Tödlicher Schlankheitswahn” oder “Falsche Schönheitsideale machen die Jugend krank” befeuern das einseitige Bild der Magersucht in der Öffentlichkeit. Auch Heidi Klum, die junge Mädchen angeblich massenweise in die Anorexie treibt, muss sich aktuell der Ferndiagnose eines Klatschmagazins stellen: Im Juni 2014 titelte die InTouch, Heidi Klum sei nun selber der Magersucht verfallen.

Natürlich ist der Einfluss des westlichen Schönheitsideals auf unsere Körperwahrnehmungen nicht abzustreiten und ein nicht zu unterschätzender Risikofaktor für die Entwicklung einer Essstörung.

  • Viele denken, es ginge mir nur um Aufmerksamkeit. An die Verzweiflung denkt niemand. Daran, dass man nicht mehr kämpfen und sich womöglich sogar etwas antuen will, um erlöst zu sein. Stattdessen wird gesagt: Iss doch einfach.
  • It pisses me off that people think that anorexia is a choice, and that only rich girls who want to model have it. It's not a choice, and no one would ever choose this. It doesn't fit with my values or who I want to be but I can't control it.
  • Belächelt zu werden – das ist das Schlimmste. Sätze wie ‚Ja, das ist ja zurzeit auch Trend’ oder ‚Sooo dünn bist du doch noch gar nicht’ machen hilflos und wütend.
  • So many people don't realize what the process of recovery is like, you don't just suddenly get better. Anorexia isn't a 'phase', it is not a joke and it is not just about food.
  • Sie will halt dünn sein, um gut auszusehen!’ So ein Schwachsinn, ich weiß selbst, dass Knochen, eingefallene Wangen und tiefliegende Augen nichts mit Ästhetik zu tun haben!
  • Wenn ich Sätze wie ‚zu dünn ist doch gar nicht schön’ zu hören bekomme, merke ich, dass die Leute nicht verstanden haben, dass mehr hinter der Krankheit steckt als nur der Wunsch nach einer schlanken Figur.

Der Schweizer Arzt und Psychiater Jürg Lichti erläutert in seinem Buch “Magersucht in Therapie”, dass sich das Gewichtsideal in den westlichen Industrienationen in den letzten 100 Jahren deutlich zu einem dünneren, schwerer zu erreichenden Ideal entwickelt hat. Das hat Konsequenzen: Eine Studie des Robert Koch-Instituts aus dem Jahr 2006 ergab, dass in Deutschland rund 20 Prozent der Mädchen und Jungen bereits im Alter von elf Jahren eine auffällige Einstellung zum Essen haben. “Obwohl nur fünf bis zehn Prozent der Frauen über die konstitutionellen Voraussetzungen zur erklärten ‚Model-Idealfigur’ verfügen, stellt der dünngliedrige, fett- und faltenfreie Körper das Leitmotiv heutiger Mädchen und junger Frauen dar”, sagt Lichti. “Die Botschaft lautet: Bist du dünn, so bist du jemand!”

Menschen mit Magersucht umgehen evolutionäre Mechanismen

Dieses Leitmotiv aber ist nicht der alleinige Auslöser einer Magersucht, vielmehr erhöht es das Risiko für die Erkrankung. Dazu sei die Krankheit viel zu komplex, sagt Stephan Zipfel, Ärztlicher Direktor der Psychosomatischen Medizin am Universitätsklinikum Tübingen. Obwohl viele junge Frauen und Männer in unserer Gesellschaft ein besonders schlankes Schönheitsideal verfolgten, sei die Häufigkeit der Magersucht in ihrer engsten Form (siehe dazu: Merkmale der Anorexie nervosa nach ICD-10 Klassifizierung) in den letzten 20 Jahren nicht gestiegen – im Gegensatz zur Bulimie, die es heute häufiger gibt. Zudem sei Magersucht keinesfalls eine neue Erkrankung, sagt Zipfel. 1869 wurde sie bereits das erste Mal in der medizinischen Fachzeitschrift The Lancet beschrieben. Seitdem habe sich das Bild dieser Erkrankung nicht wesentlich geändert.

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Stephan Zipfel, Ärztlicher Direktor der Psychosomatischen Medizin am Universitätsklinikum Tübingen

“Die Motive dahinter mögen sich gewandelt haben”, sagt Zipfel, “aber die Magersucht ist keine Modekrankheit, sondern schon lange bekannt.” Und obwohl Boulevardmedien das Thema Magersucht immer wieder im Programm haben: Die Anorexia nervosa ist eine seltene Krankheit. Nur schätzungsweise 0,3 bis 1 Prozent der jungen Frauen im Alter zwischen 15 und 25 Jahren leiden tatsächlich daran. “Der Großteil der Menschen in den westlichen Industrienationen will abnehmen, dauerhaft schlank bleiben und kriegt es nicht hin”, sagt Zipfel. “Da stellt sich die große Frage: Warum ist das bei dieser ganz kleinen Gruppe anders? Sie geraten in einen Teufelskreis, in dem sie von Diäten nicht genug bekommen. Wie schaffen sie es, evolutionäre Mechanismen zu umgehen? An dieser Frage werden wir sicherlich noch einige Jahrzehnte forschen.”

Nach vier Klinikaufenthalten hält Helene seit drei Jahren ihr Normalgewicht. Wenn sie anderen von ihrer Vergangenheit erzählt, schlagen ihr immer noch oft Unverständnis und Vorurteile entgegen. Doch sie hat gelernt, nicht hinzuhören oder einfach wegzugehen, Boulevardmagazine meidet sie komplett. Ihren Körper mag sie immer noch nicht sonderlich gern und neigt dazu, seine Bedürfnisse zu ignorieren: Essen ist das Erste, das sie vergisst, wenn es ihr nicht gut geht. “Aber mittlerweile schrillen meine Alarmglocken, sobald ich mehr als eine Mahlzeit ausfallen lasse. Meistens schaffe ich es dann auch, doch zu essen, obwohl ich es eigentlich nicht will.” Die Fähigkeit zur extremen Disziplin, die viele Magersüchtige auszeichnet, ist also noch da. Doch Helene hat es geschafft, sie umzuleiten – auf den Kampf gegen die Anorexie.

* Name von der Redaktion geändert
Magersucht in der Presse: Das falsche Bild
05. Dezember 2014

“Promis im Magerwahn”, “Sie hungern sich schlank” oder “Gefährlicher Schlankheits-Trend” – Schlagzeilen wie diese beherrschen die Boulevardmagazine. Dabei wird auf eine differenzierte Berichterstattung komplett verzichtet, die Diagnose “Magersucht” wahllos verteilt – und die Gefahren einer derartigen Berichterstattung offensichtlich ignoriert.

“Du bist doch gar nicht so dünn.” Diesen Satz kann Helene (30) bis heute nicht vergessen. Genauso wenig wie das Gefühl, nicht ernst genommen zu werden. “Wenn jemand zu dir sagt, dass es doch noch deutlich dünnere Frauen gibt, fühlst du dich ziemlich allein gelassen”, erzählt sie mit ruhiger Stimme. Helene litt fünf Jahre an bulimischer Magersucht: Sie aß kaum etwas – und das wenige, das sie zu sich nahm, erbrach sie im Anschluss wieder. Sie musste erst fast an der Krankheit sterben, bis sie es geschafft hat, sich von ihr zu verabschieden.

Trotzdem begleitet Helene bis heute das Gefühl, sich rechtfertigen und erklären zu müssen. Selten nahmen andere ihre Magersucht als eine ernstzunehmende Krankheit wahr. “Immer wieder hörte ich: ‚Du siehst auch noch hübsch aus, wenn du mehr wiegst.’”

Die Obsession der Boulevardpresse

Die Regenbogenpresse scheint geradezu besessen von der Krankheit Magersucht zu sein, es vergeht kaum eine Woche, in der nicht eine prominente Frau von Journalisten als magersüchtig oder zumindest als krankhaft schlank ferndiagnostiziert wird. Vor allem online häufen sich die nach Skandal schreienden Beiträge über vermeintliche Essstörungen. Da viele Prominente freiwillig zahlreiche Fotos von sich in den sozialen Netzwerken Facebook und Instagram veröffentlichen, brauchen die Redaktionen sich daran nur zu bedienen, um sie nach bestem Boulevard-Handwerk zu bewerten. Und auch die Fans und Follower toben sich unter den Bildern aus, geben nach Lust und Laune Kommentare ab. Die Spannbreite reicht dabei von “Iss’ mal was” bis “Du bist ganz schön fett”.

Die Berichterstattung der Boulevardmedien über Essstörungen ist unreflektiert und wahllos. So finden sich Abbildungen von Frauen, die angeblich an Magersucht erkrankt sind, direkt neben Fotos von Frauen mit einer “Top Bikinifigur”. Dass sich die Körper auf den Bildern dabei kaum unterscheiden, scheint keine Rolle zu spielen. “Die Funktion der Klatschpresse ist es, den Star schwach zu zeigen”, erklärt Medienwissenschaftler Guido Zurstiege die Faszination des Boulevardjournalismus mit der Magersucht. “Während die Leinwand und der Fernsehbildschirm den Prominenten makellos bei seiner Arbeit dokumentieren, zeigen Klatschmagazine, dass er ein Mensch mit Schwächen und Verletzungen ist. Das ist das Geschäftsmodell des Boulevard.” Zu diesen Schwächen und Verletzungen gehören offensichtlich auch lebensbedrohliche Krankheiten wie die Magersucht.

Unreflektierte Urteile sind gefährlich

Doch bei einer derart tückischen Krankheit wie der Magersucht sind die unreflektierten und unprofessionellen Diagnosen besonders heikel. “Die Anorexia nervosa ist eine komplizierte Krankheit, die selbst in der wissenschaftlichen Forschung immer noch mehr Fragen als Antworten aufwirft”, sagt Stephan Zipfel, Ärztlicher Direktor der Psychosomatischen Medizin am Universitätsklinikum Tübingen.

Doch kann das Publikum reflektieren, dass hier lapidar berichtet wird? Und welchen Effekt hat diese Berichterstattung? “Die Leserinnen und Leser können sich auf Grundlage der Klatschpresse natürlich kein Bild über die Ursachen und zum Teil lebensgefährlichen Folgen der Magersucht machen”, sagt Guido Zurstiege.

“Die Berichterstattung wird dieser differenzierten Krankheit nicht gerecht.”

Für Helene war genau das reine Folter. Zum einen hat sie sich mit den abgebildeten Frauen verglichen – mit dem Ergebnis noch stärker zu hungern. Zum anderen fühlte sie sich gebrandmarkt: als Frau, die einfach nur einem gesellschaftlichen Trend verfallen ist, einer vermeintlichen Marotte der Stars und Sternchen.

Doch wie kann mit einer derart schwierigen Thematik umgegangen werden? Soll das Thema komplett ausgespart werden? Guido Zurstiege schätzt, dass der Anspruch, die gesamte Komplexität der Anorexia nervosa abbilden zu wollen, die Presse – und zwar auch die Qualitätspresse – überfordern würde. “Doch eines kann man von allen Journalisten verlangen: dass sie die Folgen ihrer Berichterstattung im Auge behalten. So könnten zum Beispiel die scheinbare Anteilnahme und das scheinbare Mitleid der Beiträge einen Werther-Effekt, also einen Nachahmer-Effekt, mit sich ziehen.” Auch im Boulevard-Journalismus sollte es demnach möglich sein, die Gefahren einer Berichterstattung abzuwägen – und dann gegebenenfalls auf ein Thema zu verzichten.

Nach vier Klinikaufenthalten hält Helene seit drei Jahren ihr Normalgewicht. Wenn sie anderen von ihrer Vergangenheit erzählt, schlagen ihr immer noch oft Unverständnis und Vorurteile entgegen. Doch sie hat gelernt, nicht hinzuhören. Boulevardmagazine und deren Webseiten meidet sie so gut es geht, sehnt sich aber eigentlich nach einer anderen Lösung. “Die Hochzeitsbilder von Angelina Jolie und Brad Pitt in der Bunten – die hätte ich schon gerne gesehen”, lacht sie. Doch solange die Gefahr besteht, eine Seite weiter über die angebliche Magersucht von Heidi Klum zu lesen, wird sie darauf verzichten (müssen).

Magersucht: Ist Germany’s Next Topmodel eine Einstiegsdroge?
12. Februar 2015

Sie laufen wieder: Heidi Klum sucht für ProSieben auch in diesem Jahr “Germany’s Next Topmodel”. Vor genau einem Jahr schlug die Petition einer jungen Frau hohe Wellen: Die 20-jährige Laura Pape forderte von der “Model-Mama” mehr Aufklärung über Essstörungen. Welche Gefahren gehen von der Sendung aus? Verleitet sie junge Mädchen tatsächlich in die Magersucht?

Laura erkrankte mit 17 Jahren selber an Magersucht, erst ein Klinikaufenthalt half ihr, gesund zu werden. Drei Jahre später verarbeitete sie ihren Weg aus der Essstörung in dem Buch “Lebenshungrig”. Das Interesse an ihrer Person war groß – und sie nutzte den Medienrummel, um mit einer Petition auf mögliche Gefahren von Sendungen wie “Germany’s Next Topmodel” hinzuweisen.

Heidi Klum war wenig begeistert und warf der Autorin auf einer Pressekonferenz vor, sich auf ihre Kosten vermarkten zu wollen. Quatsch, sagt Laura, das Buch habe sich vorher schon gut verkauft. “Ich wollte auch nicht erreichen, dass die Sendung abgesetzt wird. Obwohl es in der Presse oft so dargestellt wurde”, erzählt sie. In der Sendung sollte mehr aufgeklärt werden: “Die können da auch mal einen Gang runterschalten. Es würde zum Beispiel ein Hinweis helfen, dass nicht jeder soviel Sport machen muss wie die Teilnehmerinnen.”

Für die Models gehört es zum Beruf, auf ihren Körper – und vor allem eine schlanke Linie – zu achten. Doch tatsächlich verfügen nur fünf bis zehn Prozent der Frauen über die Voraussetzungen zur Model-Idealfigur, weiß der Schweizer Arzt und Psychiater Jürg Lichti. Und dennoch stelle der dünngliedrige, fett- und faltenfreie Körper das Leitmotiv heutiger Mädchen und Frauen dar.
Genau hier sieht auch Laura die Gefahr:

„Die Sendung ist keine Anleitung zur Magersucht, aber sie kann ein Einstieg sein!“

Zuschauerinnen könnten ausprobieren, was sie dort sehen und dann von den Diäten nicht mehr genug bekommen, warnt sie. “Nur weil die Models so dünn sein müssen, um gebucht zu werden, heißt es ja nicht, dass alle Frauen so aussehen sollen beziehungsweise können.”

Wo hört Schlankheitswahn auf und wo fängt Magersucht an?

Thinspiration
Thinspiration setzt sich aus den Worten “thin” (dünn) und “Inspiration” zusammen. Unter dem Hashtag #thinspiration werden in den Sozialen Netzwerken Fotos veröffentlicht, die sehr schlanke Körper zeigen. Diese sollen zum Abnehmen motivieren.

“Heute laute die Botschaft: Bist du dünn, so bist du jemand”, schreibt Jürg Lichti seinem Buch “Magersucht in Therapie”. Tatsächlich wird dem gesellschaftlichen Schlankheitswahn vor allem in den Sozialen Netzwerken ein neues Gesicht gegeben: Hashtags wie #Thinspiration und die dazugehörigen Fotos schlanker (Frauen-)Körper überfluten die Netzwerke Tumblr und Instagram.

Doch wo hört Schlankheitswahn auf und wo fängt eine ernsthafte Essstörung an? Laura weiß aus ihren eigenen Erfahrungen: “Die Magersucht beherrscht deinen ganzen Tag, es gibt keinen Platz für etwas anderes. Du wachst mit dem Gedanken an Kalorien und Sport auf und kannst nachts nicht schlafen, weil du Hunger hast.” Die Gesundheit und letztendlich auch der eigene Körper waren ihr egal, sie wollte die Dünnste von allen sein – um jeden Preis.

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Laura Pape über die Zielgruppe von Germany’s Next Topmodel



“Heute werden junge Menschen ständig fotografiert und bewertet”, weiß auch der Arzt und Psychotherapeut Stephan Zipfel. Dennoch: Obwohl viele junge Frauen in unserer Gesellschaft ein besonders schlankes Schönheitsideal verfolgen, sei die Häufigkeit der Magersucht in ihrer engsten Form (siehe dazu: Merkmale der Anorexia nervosa nach ICD-10-Klassifizierung) in den letzten 20 Jahren nicht gestiegen, erklärt er. Darüber hinaus sei die Magersucht keinesfalls eine neue Erkrankung, schon vor 150 Jahren wurde sie in einer medizinischen Fachzeitschrift beschrieben. Die Motive dahinter hätten sich allerdings geändert, der Ansporn zu hungern sei heute durch das gängige Schönheitsideal ein anderer.

“Die Bilder haben mich angefixt”

Pro-Ana-Seiten
“Pro Ana” steht für “Pro Anorexia”, also “Für Magersucht”. Die Anhängerinnen und Anhänger dieser Bewegung idealisieren Magersucht zum Lifestyle und spornen sich auf Internetseiten gegenseitig zum Hungern an.
Thigh Gap
“Thigh Gap” meint die Lücke zwischen den beiden Oberschenkeln. Aktuell finden viele Mädchen und Frauen es ideal, wenn sich die Beine im Stehen nicht berühren.

Laura Pape kennt die Gefahr, die von Fotos extrem schlanker Körper ausgehen, aus eigener Erfahrung. Während ihrer Erkrankung surfte sie auf sogenannten Pro-Ana-Seiten. “Ich wusste die ganze Zeit, dass das krank ist”, sagt Laura, “doch die Bilder auf den Seiten haben mich total angefixt.”

In Hashtags wie #Thinspiration oder #Thighgap sieht sie eine ähnliche große Gefahr wie in der Castingshow “Germany’s Next Topmodel”: “Das können Einstiegsdrogen sein. Erst will man eine Thigh Gap, dann die herausstehenden Hüftknochen und schließlich kommt der BMI 16.”

“Ich erkenne mich ja selbst nicht”
23. Oktober 2015

Magersucht ist ein Problem der Körperwahrnehmung. Wie soll man in einer Gesellschaft, die permanent Äußerlichkeiten bewertet und optimiert, den gesunden Weg finden?

Sie hungert sich krank”, “Gefährlicher Magerwahn”: Schlagzeilen wie diese beherrschen die deutschen Boulevard-Medien. Kaum eine Woche vergeht, in der die Regenbogenpresse nicht zumindest eine prominente Frau als magersüchtig oder “krankhaft schlank” bezeichnet. Mich macht das wütend. Denn die Berichterstattung ist wahllos: Titelseiten mit Bildern von Frauen, die angeblich an Magersucht erkrankt sind, stehen im Zeitungsregal direkt neben Fotos von Promis mit einer “Top-Bikinifigur”. Dass sich die Körper auf den Bildern kaum unterscheiden, spielt scheinbar keine Rolle.

Auch wenn ich es oft nicht wahrhaben will: Große Teile unserer Gesellschaft sind von Schönheit und Schlankheit nahezu besessen. Die moderne Frau sollte sowieso alles haben – Karriere, Kind, tolle Haut und natürlich die “Top-Bikinifigur”. Befördert wird dieses Ideal von der Werbeindustrie, aber eben auch von uns selbst. Schließlich sind Frauen groß darin, nicht nur sich selbst ständig zu bewerten, sondern auch Freundinnen, Kolleginnen oder entfernte Bekannte: “Wow, du hast aber toll abgenommen”, “Huch, da würd’ ich nicht reinpassen” oder “Ist bestimmt nicht immer leicht mit so großen Brüsten”. Das Ziel dieser Kommentare ist oft völlig unklar. Doch die Frau auf der anderen Seite fragt sich daraufhin möglicherweise zum ersten Mal: “Sind meine Brüste wirklich zu groß?” und betrachtet sich vielleicht mit neuen Augen im Spiegel.

Der Einfluss des westlichen Schönheitsideals auf unsere Körperwahrnehmung sowie der Druck, den wir auf uns selbst wie auf andere ausüben, ist offensichtlich. Doch wo hört dabei Schlankheitswahn auf, und wo fängt eine gefährliche Krankheit wie Magersucht tatsächlich an? Und wer hat eigentlich den Boulevardmedien erlaubt, diese Unterscheidung per Ferndiagnose zu stellen?

Ohnehin ist Magersucht doch viel zu komplex, als dass das Erreichen eines Schönheitsideals alleiniger Auslöser dafür sein könnte. Und obwohl viele westliche Frauen unbedingt schlank sein wollen und die Boulevardmedien Magersucht immer wieder im Programm haben, bleibt sie eine seltene Krankheit: Es gibt in Deutschland keine offiziell bestätigten Zahlen zur Häufigkeit, Experten schätzen sie aber auf 0,3 bis 1 Prozent in der Bevölkerung. Zudem ist Magersucht keinesfalls eine neuartige Erscheinung, sondern wurde bereits 1869 erstmals in einer medizinischen Fachzeitschrift beschrieben. Das Bild der Magersucht hat sich seitdem nicht geändert, und die Motive und Traumata der Betroffenen bleiben so individuell und komplex wie die Krankheit selbst.

“Warum sagen sie mir bloß, ich sei zu dünn?”

Seit vielen Monaten beschäftige ich mich als Journalistin intensiv mit dieser vielschichtigen Essstörung und ihren unterschiedlichen Ausprägungen. Dabei spreche ich vor allem mit den Betroffenen über ihre Erfahrungen und ihren Kampf gegen die Krankheit. Nele zum Beispiel ist 27 und leidet seit vielen Jahren unter Magersucht. Trotz zahlreicher Therapien und Klinikaufenthalte hat sie es immer noch nicht gelernt, ihren eigenen Körper im Spiegel so zu sehen, wie er tatsächlich ist. Auf Fotos fällt es ihr mittlerweile etwas leichter, zu erkennen, wie dünn sie ist: “Da sehe ich schon: Okay, das sieht jetzt nicht mehr hübsch aus.” Gerade im Gesicht nimmt sie die Spuren ihrer Magersucht wahr und stellt fest: “Ich sehe wirklich alt aus.” Doch sobald sie in den Spiegel blickt, ändert sich das, was sie sieht. Hier kann sie nicht im Ansatz erkennen, was ihr beim Betrachten der Fotos gelingt: “Ich frage mich sofort: Was sehen die anderen? Warum sagen sie mir bloß, ich sei zu dünn?”

“Mein Bauch ist immer präsent. Als würden permanent Leuchtpfeile darauf zeigen.”

Wenn sie vor dem Spiegel steht, sieht Nele nur noch einzelne Körperteile, ein Blick auf das Gesamtbild ist nicht mehr möglich. Sie kontrolliert, ob sie an ihren Problemzonen zugenommen hat – also an Bauch, Beinen und im Gesicht. Dass sie mit einem Gewicht von unter 40 Kilo kein Fett in diesen Bereichen mehr haben kann, weiß sie. Trotzdem sieht sie ihr eigenes Körperbild als zu dick an. “Mein Bauch ist immer präsent. Egal, ob er leer oder voll ist. So als würden permanent Leuchtpfeile darauf zeigen. Der ist total im Fokus und alle anderen schauen auch immer darauf.” Gleichzeitig ist Nele erleichtert, wenn Freunde und Bekannte Sorgen äußern. “Wenn die Leute sagen, dass ich zu dünn bin, beruhigt mich das. Es gibt mir Sicherheit, weil mich mein Gefühl, ich sei zu dick, also trügt”, sagt sie.

Anorexie-Patienten empfinden gegenüber ihrem Körper starke Ekelgefühle, Scham und Abneigung”, hat die Psychologin Jennifer Svaldi mir erklärt. Damit junge Frauen wie Nele also eine höhere Chance darauf haben, gesund zu werden, müssen sie an der eigenen Körperwahrnehmung arbeiten. Doch wie kann etwas verbessert werden, das bei vielen nahezu verschwunden ist? Nele zum Beispiel weiß oft gar nicht mehr, welches Körperbild real ist: ihr eigenes Empfinden, eine Fotografie oder die Rückmeldung ihrer Freunde und Verwandten.

Jennifer Svaldi führt aus diesem Grund aktuell eine Pilotstudie an der Universität Freiburg durch, in der Anorexie-Patientinnen in insgesamt zwölf Sitzungen für jeweils 90 bis 120 Minuten an einer Spiegelexposition teilnehmen. Sie betrachten sich unter therapeutischer Anleitung im Spiegel, schauen die verhassten Körperzonen genau an und beschreiben im Detail gemeinsam mit den Psychologen, was sie sehen. “Dabei geht es nicht mehr einfach nur um dick oder dünn”, erklärt Svaldi. “Eine Schulter zum Beispiel kann viel mehr sein. Sie kann schmal oder breit, nach vorn gezogen oder nach hinten gestreckt, eckig oder rund, muskulös oder knochig, herabhängend oder hochgezogen sein. Es geht darum, dass sie das Abbild überprüfen, das sie in ihrem Kopf von ihren Körpern haben und auf ihr Spiegelbild projizieren.”

 

Ihren Körper zu akzeptieren, so wie er ist – davon sei sie noch weit entfernt, sagt Nele. Zwar war sie bereits mehrmals zur stationären Therapie in Fachkliniken und habe an ihrer Körperwahrnehmung gearbeitet. Sie hat mit ihren Therapeuten Videos von sich in unangenehmen Posen gedreht und im Anschluss analysiert. In der Gestaltungstherapie hat sie ihren Körperumriss gezeichnet, so wie sie ihn einschätzt und im Anschluss festgestellt, dass sie in Wahrheit viel schmaler ist. Diesen Körperumriss hat sie daraufhin ausgemalt und mit ihren Wünschen und Zielen gefüllt. Doch ihr Körperbild realistisch einzuschätzen, schafft sie immer noch nicht: “Ich erkenne mich einfach nicht wirklich.” Und Reaktionen von außen verunsichern sie noch mehr. Auch die Gesellschaft, in der Äußerlichkeiten und Körper ständig bewertet und vermeintlich permanent optimiert werden müssen, erschwert ihr den Weg zur Gesundung.

Nach dem Gespräch mit Nele war ich sehr nachdenklich: Oft weiß man nicht, welche Auswirkung Kommentare zum Aussehen oder zum Körper haben. Manchmal sieht man den Leuten nicht an, ob sie an einer Essstörung leiden, sie gerade besiegt haben oder lediglich verunsichert sind – und dann kann ein lockerer Spruch mehr Gewicht haben, als man es sich ausmalen kann. Ich habe mir jedenfalls fest vorgenommen: Ich werde das Aussehen anderer Menschen nicht mehr kommentieren oder bewerten. Es sei denn, sie bitten mich explizit darum, ihr Spiegel zu sein.