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„Ich habe panische Angst vor der 4 auf der Waage“

Ein Interview via Facebook

Mit 12 Jahren erkrankte Melisa B.* zunächst an Bulimie. Im Laufe der Zeit wurde daraus eine Magersucht des Purging-Typs: Zusätzlich zum Hungern, verringert Melisa ihr Gewicht, indem sie erbricht oder Abführmittel nimmt. Mit 17 Jahren wurde sie das erste Mal stationär in einer Spezialklinik für Essstörungen behandelt, sechs weitere Aufenthalte folgten. Heute ist Melisa 24 Jahre alt, hat mit einem BMI von 12 lebensbedrohliches Untergewicht (Anm: Bei Normalgewicht liegt der BMI von Frauen zwischen 19 und 24) und ringt mit der Entscheidung, sich ein achtes Mal stationär behandeln zu lassen.

Seit mehreren Wochen spreche ich mit Melisa via Facebook-Chat über ihren Kampf gegen eine Krankheit, die immer wieder Oberhand gewinnt.

Einige Auszüge des Gesprächs:

12.05.2014

Nora Burgard

Hi, wie geht es dir? Bist du schon in der Klinik?

Melisa B.

Nee. Ich glaub, ich geh nicht. Ich möchte nicht.

Nora Burgard

Warum nicht?

Melisa B.

Das Abi nachzuholen ist mir wichtiger. Außerdem halte ich meine 35 kg und nehme nicht ab.

Nora Burgard

Aber sind 35 kg nicht immer noch viel zu wenig?

Melisa B.

Ja, schon. Aber ich hatte im Dezember 29 kg. Das sind also jetzt schon 6 kg mehr.

Nora Burgard

Verstehe. Hast du der Klinik schon abgesagt?

Melisa B.

Ja. Liege aber gerade im normalen Krankenhaus. Allerdings nicht wegen der Magersucht.

Nora Burgard

Sondern?

Melisa B.

Ich hab eine Lungenentzündung.

Nora Burgard

Gute Besserung! Woher kommt denn die Lungenentzündung und was sagen die Ärzte zu deinem Gewicht?

Melisa B.

Naja, essen soll ich halt. Ich habe Asthma und öfters eine Bronchitis. Wenn ich nicht aufpasse, wird da schnell eine Lungenentzündung raus. Ich hatte erst Ende 2013 die letzte. Da hab ich 29 kg gewogen und die Ärzte hatten Angst, dass ich sterbe. Das haben sie jetzt auch wieder.

Nora Burgard

Und du?

Melisa B.

Ich habe keine Angst. Ich habe mich mit dem Tod angefreundet. Mir ist langweilig.

Nora Burgard

Wann machst du dein Abitur?

Melisa B.

In einem Jahr. Wenn alles gut läuft.

Nora Burgard

Da wäre doch eigentlich noch Zeit für einen Klinikaufenthalt vorher, oder?

Melisa B.

Ja, schon. Aber ich will nicht über 39 kg kommen. Und es ist Zeitverschwendung, 4 kg zuzunehmen und dann entlassen zu werden. Ich hab panische Angst vor der 4 auf der Waage. Die 3 ist schon schwer. Ich hätte lieber wieder die 2. Aber das geht nicht, wenn ich leben will. Meine Freundin ist vor einem Monat an Magersucht gestorben. Sie hatte 28 kg bei 1,70 m.

Nora Burgard

Das tut mir sehr Leid.

Melisa B.

Danke.

Nora Burgard

Willst du denn leben?

Melisa B.

Sagen wir mal so: Ich würde mich nie umbringen. Am schlimmsten ist gerade der Husten und dass ich so friere. Ich will schon den ganzen Tag schlafen, aber es klappt nicht. Und meine Therapeutin ist genervt, weil ich seit Wochen nicht da war. Sie weiß nichts von der Lungenentzündung.

Nora Burgard

Warum sagst du es ihr nicht?

Melisa B.

Ich habe Angst vor ihrer Reaktion. Dass sie mir nicht glaubt, weil man mir die Anorexie nicht ansieht. Ich habe Angst, dass ich eigentlich gar keine Magersucht habe.

Nora Burgard

Warum ist dir die Diagnose Magersucht so wichtig?

Melisa B

Das ist das Einzige, was mich von anderen unterscheidet. Von denen, die in meinem Alter studieren. Ich habe nix. Wenn ich andere Magersüchtige mit Einser-Abi sehe, komme ich mir noch wertloser vor. Aber dann denk ich immer an meine Freundin, die gestorben ist. Die hatte auch kein Abi und das tröstet mich.

Nora Burgard

Inwiefern tröstet dich das?

Melisa B.

Naja, sie hatte höchstens einen Realschulabschluss, wenn überhaupt, und war Hardcore-Anorektikerin. Das erfüllt ja nicht gerade das Klischee, dass alle Magersüchtigen hochintelligent und perfektionistisch sind. Ich passe auch nicht in dieses Schema.

18.05.2014

Nora Burgard

Guten Morgen!

Melisa B.

Hallo, hier ist Moritz*, der Freund von Melisa. Sie wurde auf die Intensivstation verlegt. Ihr geht es sehr schlecht. Wir hoffen, dass sie nicht stirbt.

Nora Burgard

Das tut mir Leid. Ich hoffe mit euch!

20.05.2014

Melisa B.

Hallo, ich bin wieder auf der Normalstation.

Nora Burgard

Hey! Was war denn los?

Melisa B.

Ich hatte ziemlich hohes Fieber und Herzrhythmusstörungen. Da sind die Ärzte lieber auf Nummer sicher gegangen.

Nora Burgard

Wie wird es nun weitergehen?

Melisa B.

Ich muss noch hier bleiben. Ich habe wieder abgenommen. Das kann aber auch an der Lungenentzündung liegen. Ich soll nach dem Krankenhausaufenthalt in eine Klinik für Essstörungen gehen. Aber ich will immer noch nicht. Ich habe Angst, dass die Ärzte und Patienten dort fragen, warum ich überhaupt da bin.

Nora Burgard

Weißt du denn rational, dass du zu dünn bist und deswegen im Krankenhaus liegst?

Melisa B.

Naja, eigentlich bin ich ja wegen der Lungenentzündung im Krankenhaus und nicht wegen dem Gewicht.

21.05.2104

Nora Burgard

Guten Morgen. Wie geht es dir heute?

Melisa B.

Schlecht. Ich hab gestern gekotzt und Abführmittel genommen.

Nora Burgard

Hast du das den Ärzten gesagt?

Melisa B.

Nein

26.05.2104

Nora Burgard

Hallo, wie geht es dir? Wie war dein Wochenende?

Melisa B.

Mir geht es nicht gut. Will abnehmen.

Nora Burgard

Schaffst du es denn trotzdem, etwas zu dir zu nehmen?

Melisa B.

Ja, aber ich erbreche.

Nora Burgard

Kannst du dort im Krankenhaus mit jemandem reden?

Melisa B.

Bisher hat es keiner angeboten und ich habe auch nicht danach gefragt. Will es nicht.

Nora Burgard

Was willst du denn?

Melisa B.

Ich weiß es nicht

29.05.2104

Melisa B.

Hallo

Nora Burgard

Hey!

Melisa B

Mir geht es sehr schlecht zurzeit. Ich kann nicht mit dem Erbrechen aufhören. Ich bin nicht mehr im Krankenhaus. Bin zuhause und fast wieder gesund was die Lungenentzündung angeht. Ich habe gestern in der Klinik für Essstörungen angerufen und werde doch im Juni hingehen.

Nora Burgard

Das ist super!

Melisa B.

Ja… aber ich habe Angst.

Nora Burgard

Wovor?

Melisa B.

Dass es zu spät ist.

Nora Burgard

Zu spät wofür?

Melisa B.

Ich habe Angst, dass ich mir meinen Magen und die Speiseröhre schon zerstört habe. Ich hab Angst vorm Sterben, aber auch Angst vorm Leben. Angst davor, dass es mir gut gehen könnte.

Nora Burgard

Angst davor, was ohne die Krankheit bleibt?

Melisa B.

Ja

Melisa war einige Tage in der Spezialklinik für Essstörungen, wurde von dort aus jedoch in ein Universitätsklinikum überwiesen. Zurzeit haben wir keinen Kontakt.

* Name von der Redaktion geändert
Lieber verschwinde ich – Magersucht in der Kindheit
25. Juli 2014

Dass schon Kinder an Magersucht erkranken, ist selten – doch es kommt vor. Auch die heute 30-jährige Anna* litt bereits mit 10 Jahren an der Anorexia nervosa. Trotz ihres jungen Alters schaffte sie es, die Krankheit zu besiegen. Ein Gesprächsprotokoll:

Als ich das erste Mal merkte, dass ich nicht mehr essen kann, war ich zehn Jahre alt. Es war nicht das Gefühl, zu dick zu sein, das interessierte mich damals gar nicht. Es war purer Ekel. Ekel vor dem Essen. Die Aufnahme von Nahrung war mir plötzlich zuwider geworden.

Damals war ich mit meinem Vater und seiner damaligen Freundin im Urlaub. Eigentlich wollte ich gar nicht mitfahren. Viel lieber wäre ich bei meiner Mutter geblieben, denn zu meinem Vater hatte ich keinen guten Draht. Doch niemals hätte ich offen ausgesprochen, dass ich mich nicht wohl bei meinem Vater fühlte. Genauso wenig hätte ich über meine Hilflosigkeit gesprochen, die sich in diesem Sommer in mir ausbreitete: Die Grundschule war zu Ende gegangen – eine Veränderung, die ein großer Schock für mich war.

Nach einem halben Jahr auf dem Gymnasium verreiste ich wieder mit meinem Vater. Der Skiurlaub stand an. Wieder musste ich meine sicheren vier Wände und meine Mutter verlassen. Wieder fühlte ich mich verloren. Wieder kam die Schockstarre. Schon während der vergangenen sechs Monate hatte ich stark abgenommen und war sehr schlapp. Zum Skifahren war ich körperlich nicht in der Lage und verbrachte deshalb die Tage alleine im Hotel, während sich mein Vater auf der Piste vergnügte – mit seiner neuen Freundin.

Ich lege mich in einen Sarg und warte ab. Luft anhalten.

War sie dabei, behandelte mich mein Vater lieb und herzlich. Waren wir alleine, ignorierte er mich, oder ich bekam Ärger. Ich fühlte mich benutzt. Von dem Moment an kam die Angst hinzu: Paralysiert wartete ich auf das, was kommen würde, und dachte: „Ich lege mich in einen Sarg und warte ab. Luft anhalten.“

Heute glaube ich, das Nicht-Essen war meine Art der Konfliktvermeidung: Hätte ich laut ausgesprochen, dass ich so nicht behandelt werden möchte, hätte ich womöglich jemanden vor den Kopf gestoßen. Stattdessen aß ich lieber kaum etwas. Als ich vom Skiurlaub nach Hause kam, sah mich meine Mutter an und weinte. Die Magersucht hatte Besitz von mir ergriffen.

Eigentlich fand ich Essen immer toll. Doch jetzt konnte ich nur noch etwas zu mir nehmen, wenn ich es wollte – und nicht, weil es jemand von mir erwartete. Ich wollte keine Marionette mehr sein. Also aß ich nur, wenn niemand darauf achtete, was natürlich nicht lange funktionierte. Schließlich kamen jene Momente, die ich so sehr hasste: Kaum biss ich in einen Apfel oder gönnte mir eine Scheibe Brot, freute sich meine Familie. Dabei wollte ich doch nie wieder etwas tun, um jemandem zu gefallen. In dieser Zeit brach ich auch den Kontakt zu meinem Vater ab.

Es ist ihr Leben, ich habe es ihr zwar geschenkt, aber sie darf damit machen, was sie will.

Meine Mutter war mein einziger Halt. Sie ahnte, dass eine Diagnose wohl Magersucht lauten würde. Trotzdem zwang sie mich zunächst zu nichts, auch nicht zu essen. Sie wusste: Selbstbestimmtheit ist das Allerwichtigste für mich. Und so ließ sie mich los – und nahm das Risiko in Kauf, dass ich sterben könnte. „Mein Ego hat damit nichts zu tun“, sagte sie sich. „Es ist ihr Leben. Ich habe es ihr zwar geschenkt, aber sie darf damit machen, was sie will.“

Im Gegensatz zu meiner Mutter, dachte ich damals noch nicht an Magersucht. Mein Hauptproblem war die Angst: Ich fand keine Ruhe mehr, mein Körper war unter Daueranspannung. Oft konnte ich nur im Arm meiner Mutter schlafen. Eine paradoxe Situation, schließlich wollte ich doch auch mit meinen 10 Jahren schon autonom sein. Das Hungern aber verstärkte meine Angst.

Das Hungern brachte mir auch anderes Leid: Ich wollte eigentlich viel lieber aussehen wie die Mädchen in meiner Klasse, die schon einen Busen hatten. Aber dafür war ich einfach zu dünn. Das wusste ich. Doch obwohl ich nicht mehr wie ein Kind aussehen wollte, hungerte ich weiter.

Anfangs wusste ich nicht, was dick macht. Kalorien interessierten mich genauso wenig wie mein Gewicht. Bei mir drehte sich alles nur um Fülle. In meinem Schrank hing diese eine sehr schmale Jeans. Was für andere die Anzeige auf der Waage war, war für mich die Hose. Ich wusste: „Solange ich noch in diese Jeans passe, ist alles okay.“

Ich bin kein Objekt, das man auf Schönheit reduzieren kann.

Die Pubertät kam, und so sehr ich nicht mehr wie ein Kind aussehen wollte, so sehr hatte ich auch Angst davor, eine Frau zu werden: Ich war meiner Mutter schon immer sehr ähnlich und glaube, dass mein Vater sie in mir sah. Genau davor fürchtete ich mich – eines Tages das komplette Abbild meiner Mutter zu sein. Ständig hatte mein Vater schon mit mir als Kind angegeben: „Das ist meine schöne Tochter.“ Nie konnte ich mich darüber freuen. Ich wollte nicht – und will auch heute nicht –, dass sich jemand mit mir schmückt. Werde ich zur Frau, so dachte ich, steigt die Gefahr, wegen des Äußeren benutzt zu werden. Ich bin aber kein Objekt, das man auf Schönheit reduzieren kann. Lieber verschwinde ich und werde gar nicht gesehen.

Magersucht in der Kindheit
• Eine Studie des Robert Koch-Instituts (RKI) aus dem Jahr 2006 ergab, dass in Deutschland rund 20 Prozent der Mädchen und Jungen im Alter von elf Jahren eine auffällige Einstellung zum Essen haben

• Laut Bundes Fachverband Essstörungen (BFE) kann es schon bei Vierjährigen zu Nahrungsverweigerung und Essstörungen kommen; in diesem Alter spielt vor allem die Identifikation mit den Älteren eine große Rolle. Der Übergang zu einer krankhaften Essstörung ist schleichend.

• Eine Körperschemastörung (niedrig angelegte Gewichtsschwelle und extreme Angst vor dem „Dicksein“) steht bei kindlicher Anorexie häufig im Hintergrund

Und so war meine Methode, nein zu sagen, das Essen zu verweigern. In den schlimmsten Zeiten konnte ich noch nicht mal Wasser trinken. Schließlich war ich lebensgefährlich dünn, und meine Mutter brachte mich in ein Krankenhaus. Erst jetzt weiß ich, wie gefährlich mein Zustand wirklich war: Ich hatte einen BMI von 10. Ab diesem Punkt wird anorektischen Patienten Kalium zugeführt, damit das Herz nicht stehen bleibt.

Die Ärzte nahmen mich in der Kinderstation auf, und als meine Mutter ging, brach ich zusammen. Ich fühlte mich wie unter Feinden, die alle nur wollten, dass ich zunehme – und mehr nicht. Doch den Therapeuten gelang es, mir die Angst vor dem Essen zu nehmen. Sie erklärten mir genau die nächsten Schritte, welche Nahrung wie viele Kalorien hat, und wie ich wieder an Gewicht zunehmen würde. So konnte ich das Hungern endlich abgeben. Die Ernährungsberaterinnen erstellten gemeinsam mit mir einen Essensplan und vereinbarten, dass ich pro Woche ein Kilo zunehme. Es war okay, und ich fühlte mich beschützt. Jemand anderes hatte nun die Kontrolle übernommen und ich musste mich um nichts mehr kümmern, das war eine große Erleichterung. Außerdem hatte ich zweimal in der Woche Psychotherapie-Sitzungen, die mir geholfen haben, mich neu kennenzulernen.

Wenn etwas von außen kommt, bin ich verseucht.

Während der Zeit in der Klinik war ich von der Außenwelt abgeschottet: Ich wollte weder Radio hören noch fernsehen. Die Welt machte mir Angst. „Wenn irgend etwas von außen kommt“, dachte ich, „bin ich verseucht.“ Stattdessen schrieb unzählige Seiten Tagebuch über das Leben – und den Tod.

In dieser Zeit änderte ich meinen Namen. Der alte war für mich ein Teil meiner ersten zehn Lebensjahre und fest an ein Gefühl gekoppelt: das sich Verstellen. Bis dahin ging es für mich immer nur darum, anderen Menschen zu gefallen. Der neue Name sollte mich davon befreien. Er war ein Symbol für einen Neubeginn.

Neun Monate später, entließen mich die Ärzte aus der Klinik und ich ging wieder in die Schule. Noch immer war ich sehr schmal und vor allem sehr klein. Weil ich die Magersucht vor der Pubertät entwickelt hatte, war meine Hypophyse, jene Drüse im Gehirn die wichtige Wachstumshormone produziert, eingeschlafen. Drei Jahre lang musste ich deshalb Hormone spritzen. Heute bin ich 1,66 Meter groß.

Zu Hause verfolgte ich einen strikten Ernährungsplan, jede Mahlzeit wog ich akkurat ab. Ich konnte alles berechnen, das gab mir Halt. Die neue Form der Kontrolle war für mich nicht mehr das Hungern, sondern das Gewichthalten. Meinen BMI von 18,5 wollte ich auf keinen Fall unterschreiten. Das Prinzip der Sucht hatte ich verstanden und ich wusste: „Wenn ich jetzt zurückfalle und wieder anfange zu hungern, greift die Sucht wieder zu.“ Ich hatte noch ein halbes Jahr lang weiterhin ambulante Psychotherapie.

Mittlerweile bin ich stabil und habe Normalgewicht. Meine Nahrung muss ich inzwischen nicht mehr wiegen. Zwar ist die Sehnsucht nach Kontrolle noch da, aber sie ist schwächer geworden. Das Dünnsein war das Schlimmste, was ich jemals empfunden habe. Als ich mit 18 endlich meine Regel bekam, war ich so glücklich. Endlich war ich eine Frau.
Auch das Verhältnis zu meinem Vater ist wieder in Ordnung. Zwanzig Jahre später nach meiner Entlassung aus der Klinik sah ich ihn zum ersten mal wieder. Seither treffen wir uns immer wieder mal für ein paar Stunden. Mein Vater ist jetzt für mich ein alter Mann, der mich nicht mehr verletzen kann. Es ist jetzt so, wie ich es mir damals gewünscht hätte, als ich zehn war: ich bin in seiner Gegenwart selbständig.

Die Summe ist die Krankheit.

Ich glaube, die Gründe für eine Magersucht können sehr individuell sein, sei es Selbstzerstörung oder Schönheitswahn. Die Summe ist die Krankheit. Ab einem gewissen Punkt spielen diese Gründe oder gar die Gesellschaft keine Rolle mehr. Dann steht die Sucht im Vordergrund, das Glücksgefühl des Hungerns, der Entzug und die Angst – nicht mehr das Dünnsein. Ein Schönheitsideal wird meiner Meinung nach an diesem Punkt völlig unwichtig, auch wenn es vielleicht bei vielen einer der Auslöser sein mag. Ich denke, dass die Autonomie jedoch bei den meisten, wie auch bei mir, ein großes Thema ist. Letztlich dreht sich alles um diese eine Frage: „Darf ich ich selbst sein?“

* Name von der Redaktion geändert
Gastbeitrag: Guter Apfel, schlechter Apfel
10. Oktober 2014

Sarah ist 21 Jahre alt und leidet seit ihrem 13. Lebensjahr an Magersucht. Den langen Weg aus der Krankheit verarbeitet sie auf ihrem Blog “Alice ohne Wunderland”. Ein Gastbeitrag:

“Essgestörte machen komische Dinge. Sehr, sehr komische Dinge. Meistens merken sie dabei aber gar nicht, wie komisch das Ganze eigentlich ist. Heute im Supermarkt ertappte ich mich, wie ich einer offensichtlich essgestörten Frau beim “Lebensmittelshopping” fasziniert für geschlagene zehn Minuten zusah.

Am Obstregal stand sie und starrte minutenlang auf die grünen Äpfel. Hob sie hoch, drehte sie, betrachtete sie von nah und fern. Legte sie wieder zurück. Machte das noch mehrere Male mit den anderen. Ging zur Lebensmittelwaage um sie abzuwiegen, nur um sie dann wieder zurückzulegen. Und noch einmal.

Irgendwann hatte sie den perfekten Apfel gefunden. Geschätzte 120 Gramm. Wenn man ihn schält, 110.

Wenn man die Kerne und ein bisschen Fruchtfleisch entfernt, kommt man genau auf die 100. Die magische Zahl. Zufrieden legte sie ihn in ihren großen, schwarzen Einkaufskorb und zog weiter in Richtung Gemüse.

Nur zu gut kann ich mich noch daran erinnern. Lebensmittelshopping ist eine Art Shoppingtour durch den Supermarkt. Überall lauern sie, diese hinterlistigen aber so wohlschmeckenden Leckereien und warten darauf von mir gekauft und verzehrt zu werden. Das Lebensmittelshopping kann einerseits der ultimative Kick sein, wenn man es mal wieder schafft all den Verlockungen zu widerstehen. Oder aber die Befriedigung der eigenen Sucht. Essen, Lebensmittel, Süßes, Salziges, Chips, Eis, Gemüse, Obst. Im Kopf eines jeden Essgestörten geistern diese Begriffe unweigerlich herum, 24 Stunden am Tag, 7 Tage die Woche.

Der Supermarkt ist das Mekka der Essgestörten. Der Ort an dem sich all diese faszinierenden Nahrungsmittel aufhalten.

Nichts ist spannender als stundenlang den Kaloriengehalt diverser Packungen zu studieren, den Fettgehalt von Light-Käse zu vergleichen oder zufällig auf ein neues, noch kalorienärmeres, Produkt zu stoßen. Nichts bereitet mehr Freude als anderen dabei zuzusehen, wie sie die Weight-Watchers Produkte mit den vermeintlichen 0,1 Prozent Fett in den Warenkorb legen und sich nicht darüber im Klaren sind, dass dafür der Kohlenhydrat-Anteil um ein Doppeltes erhöht wurde. Alles Zucker pur. Da hilft auch das Fett nicht mehr. Und ihr fallt darauf rein. Ha, Ha!

Nichts ist beruhigender als den wunderschönen Kirschen beim Einfach-So-Daliegen zuzuschauen. Sie sehen so friedlich aus. Ach, ihr süßen, kleinen Dinger.

Nichts verschafft mehr Bestätigung als durch die “verbotenen Gänge” zu schlendern und dem Feind ins Auge zu blicken. Dir zeige ich’s, Schokolade! Ich brauche dich nicht. Das ultimative High. Man ist völlig im Rausch.

Essen ist die Droge – auch wenn sie nicht konsumiert wird.

So krank das leider auch klingt, es ist die hässliche Wahrheit. Lebensmittelshopping ist nicht irgendeine Eigenart meinerseits, sondern gängiges Ritual bei Essgestörten. Ich verbrachte halbe Tage im Supermarkt, nur um ihn dann ohne etwas gekauft zu haben wieder zu verlassen. Ich verlor mich selbst zwischen den Regalen, tigerte stundenlang hin und her wie ein streunender Hund auf Nahrungssuche. War völlig im Wahn.

Manchmal dann, wenn ich mich dann doch für ein Produkt entscheiden konnte, fiel mir auf dem Weg zur Kasse etwas an ihm auf. Irgendein Makel, irgendwas das nicht gut an ihm war. Zu viel Fett. Nicht groß genug für eine Mahlzeit. Verpackung schaut nicht hübsch genug aus. Da gab es immer irgendetwas, das es “unkaufwürdig” machte. Das seinen Wert ins Unermessliche sinken ließ. Also brachte ich es wieder zurück, ist auch besser so.

Ich brauche das nicht.

Als ich an der Kasse meine sorgfältig ausgesuchten Lebensmittel von gesund bis unsgesund auf dem Warenband sortiere und drappiere, sehe ich die Frau im Augenwinkel die Kasse links neben mir anvisieren. Sie läuft zögernd auf die Schlange zu. Ein kurzer Blick in den Korb – er ist leer. Bis auf eine durchsichtige Plastiktüte. Der perfekte Apfel liegt darin. Stolz legt sie ihn auf das Band, er gehört jetzt ihr. Kein anderer kann ihn mehr haben. Was für ein Schnäppchen. Die Shoppingtour war erfolgreich.”

Fotoreihe – Anorexie: Daily Essentials Vol. 2
14. November 2014

 

Die Erkrankung an der Magersucht, der Anorexia nervosa, gestaltet sich für jede Patientin und jeden Patienten unterschiedlich. Um diese Individualität zu verdeutlichen, habe ich zum zweiten Mal gemeinsam mit den beiden Fotografinnen Nina Gschlößl und Lucia Tollens die Fotoreihe “Anorexie: Daily Essentials” produziert: Was assoziieren sie unmittelbar mit ihrer Erkrankung? Worauf können sie nicht verzichten? Und welche Utensilien geben ihnen in ihrem Alltag Halt und helfen ihnen im Kampf gegen die Essstörung? (Hier geht es zu der ersten Ausgabe der Fotoreihe)

 

* Die Betroffenen erbrechen zusätzlich zum Hungern.
* Pro-Anorexia
“Du siehst toll aus” – Gibt es eine Wunderheilung bei Magersucht?
09. März 2016

Sarah ist 23 Jahre alt und leidet seit ihrem 13. Lebensjahr an Magersucht. Den langen Weg aus der Krankheit verarbeitet sie auf ihrem Blog “Alice ohne Wunderland”. Ein Gastbeitrag:

„Du schaust ganz super aus so. Viel, viel besser. Richtig gesund.“ Meine Freundin M. strahlt über beide Ohren, als sie mich nach guten 18 Monaten zum ersten Mal wieder sieht. Ich nicke erst mal, schlucke ganz tief und versuche zum Dank zu lächeln.

Richtig gesund also. Was für den Rest der Welt wie ein Kompliment klingt, hört sich für mich beschämend und grauenvoll an

Als mir meine Oma beim ersten Wiedersehen nach meinem Klinikaufenthalt in die Wangen kniff, habe ich innerlich ganz langsam bis zehn gezählt. Und dann gleich noch einmal. „Bleib ganz ruhig!“, habe ich mich selbst beschwichtigt und nach außen hin keine Miene verzogen.
Als meine Mutter zwei Wochen später freudestrahlend von meinem gesunden, satten Teint schwärmt, rast mein Puls auf 180. In Gedanken brülle ich so laut ich kann.

In meiner anorektischen Welt bedeutet gesund nämlich nicht gesund. Gesund bedeutet nicht, zufrieden, erholt, frisch oder lebendig auszusehen. Bei dem Wort “gesund” ploppt in meinem magersüchtigen Hirn unweigerlich und automatisch der leibhaftige Schrecken in Person auf. Ein kleines rundes, pummeliges, wohlgenährtes, kräftiges und kompakt aussehendes Mädchen, das zwischen den prallen rosa Bäckchen seine Zähne zeigt und einen Arm in die ausladende Hüfte stemmt. Eine kurvige, dralle, vollbusige Dame, mit starken Oberarmen und leichtem Doppelkinn, Bauchansatz und Hosengröße 42. Wie die Cornflakespackung-Vintage-50er Jahre Hausfrau mit der Lockenfrisur.

Vor meinen Augen schwellen meine Brüste auf das Doppelte an, die Nähte der weißen Bluse beginnen zu spannen und meine Hose schneidet in die Schenkel ein

Meine Wangen beginnen sich zu füllen und meine Oberarme beim Gehen zu wackeln. Das Gefühl ist unerträglich.

Einer Essgestörten zu sagen, sie sehe nun wieder gesund aus, ist womöglich eines der größten Missverständnisse in der Kommunikation. Es ist kein Kompliment. So unverständlich und absurd es auch klingen mag – es ist das komplette Gegenteil.

Auch die subtile Version fühlt sich wie ein Schlag ins Gesicht an. „Für mich bitte den großen Latte Macchiatto!“ Die Bedienung holt aus: „Low-Fat oder normal?“ Klatsch! Volltreffer. „Low-Fat bitte (bitte nicht. Schmeckt zum Kotzen).“ Die Magersucht in mir traut sich nicht, auf ihren anständigen Latte Macchiatto zu bestehen. Zu beschämend ist die Vorstellung, dass mich die gute Frau für gierig halten könnte.

Hätte ich den Low-Fat Kaffee nicht nötig, hätte sie sicher nicht danach gefragt

Vor zwei Jahren noch, wäre diese Frage unmöglich gewesen. Die mitleidigen Blicke im Café, wenn ich am schwarzen Kaffee genippt habe oder wenn alle angestrengt versucht haben wegzuschauen, während ich die Kuchen an der Auslage mit Faszination gemustert habe. Niemals hätte mich jemand auch nur annähernd so etwas gefragt. Aber jetzt, da ich wieder gesund, ja fast schon ZU gesund aussehe, da ist diese Frage völlig berechtigt. Ich bin eine ganz normale, junge Frau, die mit ihrer Freundin im Café sitzt und einen Latte Macchiatto bestellt. Eine Frau, die vielleicht auf ihre Ernährung achtet oder ihre Vorbereitungen für die Sommerfigur 2015 eingeleitet hat. Eine völlig berechtigte Frage also.

Fernab von oberflächlichen Äußerlichkeiten bedeutet die Gesundheit und Normalität noch etwas anderes: Mein Sonderstatus wurde mir nun endgültig aberkannt. Ich muss nun nichtmehr in Watte gepackt werden.

“Ich bin wieder eine von vielen”

Und das Bedrohlichste daran: Ich bin nichtmehr sicher von den Widrigkeiten des normalen Alltags. Ich kann wieder kritisiert werden, bin wieder verletzbar und muss wieder für mich selbst einstehen. Ich habe jetzt wieder genug Ressourcen dafür, genug Kraft und genug Energie. Ich bin gesund und kräftig und brauche keine Krücken mehr. Und gerade deshalb, weil ich alles andere als stabil bin, ist es unerträglich so bezeichnet zu werden. Es macht Angst und Druck. Gesund zu sein, bedeutet so viel mehr, als „nicht mehr krank“ zu sein.

Vor allem wenn der Kopf es noch ist.

“Irgendwann stellst Du dir dann die Frage, wo Du geblieben bist”: Das Tagebuch einer Magersüchtigen
13. August 2016

Janine ist 21 Jahre alt und leidet seit vielen Jahren an Magersucht. Ihre Krankheit, die ständige Begleiterin, nennt sie “Rexi”. Den schwierigen Weg beschreibt sie in einem Tagebuch.
Einige Auszüge aus diesem Buch:

Die Nächte

Ich liege auf meinem Bett. Es ist nachts, 3:04 Uhr, um genau zu sein. Ich schaue ständig auf mein Handy und habe dann in dem Moment ein schlechtes Gefühl, weil ich doch schlafen sollte. Wie soll ich den morgigen Tag überstehen, wenn ich keine Minute schlafen konnte?
Die Gedanken kreisen weiter, ich finde keine Ruhe und dann fängt auch noch mein Magen an, weh zu tun. Ich konzentriere mich auf dieses ungute Gefühl in mir und denke nach, ob es Hunger sein könnte. Aber nein, das ist es nicht. Aber was ist eigentlich Hunger?
In dem Moment fängt es in mir an zu brodeln: Wie kann ich meine Zeit mit so vielen, eigentlich völlig unnötigen Fragen vergeuden?
Ich mache krampfhaft die Augen zu, um 5 Minuten später wieder kerzengerade in meinem Bett zu sitzen. Lange starre ich in mein durch die Nacht in schwarz getränktes Zimmer. Es ist so still draußen, denke ich. Ab und zu fährt ein Auto vorbei und ich sitze hier mitten in der Nacht, wie schon die Tage zuvor und lasse die Zeit verstreichen.
Ich hoffe nur, dass der Morgen naht und ich meinen Alltag weiter leben kann.

Das Perfide an der Sache ist eigentlich, dass man ab dem Morgengrauen, wenn alles wieder zum Leben erwacht, wieder wartet, dass man sich in sein Bett kuscheln kann, um zu schlafen.
Als die ersten Sonnenstrahlen mein Zimmer fluten, bin ich scheinbar im Tiefschlaf. Ich höre nur meinen Handywecker, der mich gleichzeitig verwundern lässt, dass ich eingeschlafen sein musste. Wie lange ich geschlafen habe, weiß ich gar nicht, aber ich scheine relativ fit zu sein, denke ich zumindest. Aber eher bewege ich mich wie eine aufgezogene Spielzeugfigur, die einfach den Tag hindurch funktioniert.
Nachdem ich fertig bin, mache ich mir ein Kaffee, wie jeden Morgen. Den erlaubt mir dieses etwas da in meinem Kopf wenigstens noch mit Milch. Sehr großzügig, muss ich schon sagen.

Und nun sitze ich da. Vor ein paar Monaten habe ich mir noch gehetzt Obst oder Gemüse für die Schule geschnippelt, doch jetzt sitze ich in meinem Bett und nippe an meinem Kaffee und entschließe mich, ein wenig Apfel zu essen. Ich knappere ein, zwei Mal daran und damit meine Gedanken nicht weiter kreisen können, schalte ich das Radio an. Ich nehme mir fest vor, mich zusammenzureißen und mein Gute-Laune-Gesicht aufzusetzen, aber heute weiß ich, dass ich es nicht kann. Ich bin wirklich am Ende der Kräfte und verspüre nur eine deprimierende Stimmung in mir. Ich bin sauer, dass ich mich so verändert habe und spüre Wut, dass ich es soweit kommen lassen konnte. Ich habe so eine schlechte, traurige und wütende Stimmung in mir, dass ich gleich los heulen könnte. Aber ich kann es ja nicht, weil ich irgendwie weiter machen muss.
Wie lange, dass weiß ich nicht. Das einzige was ich weiß ist, dass ich funktionieren werde. Bevor ich mich komplett verliere.

Langsam verliere ich doch die Kontrolle…

Zugegebenerweise verliere ich nach einiger Zeit bereits die Kontrolle über mein Tun.
Ausschlaggebend ist dafür nicht mein körperliches Gefühl, sondern vielmehr meine Psyche.
Ich habe mich verändert.
Und ich merke, dass da irgendwas Überhand genommen hat, was nicht sein sollte.
Ich ziehe mich innerlich zurück und will oft alleine sein, weil ich nicht die Kraft dazu habe, mich mit meinen Mitmenschen auseinanderzusetzen. Ich fühle mich wie in einem Kokon, der mich abschirmt von der doch so großen Welt.
Innerlich klopft auch täglich meine Vernunft an und gibt mir ebenfalls zu verstehen, dass das an dem Essen liegt, was ich nur noch in kleinen Mengen zu mir nehme, aber ich kann den gut gemeinten Tipp noch nicht so ganz ernst nehmen.

Aller Anfang ist schwer…

Gerade ringe ich wieder mit mir und weiß gar nicht genau, wofür ich jetzt kämpfen soll. Was für ein Ziel verfolge ich da eigentlich?
Es gibt zwei Seiten in mir, die eine, die gerne weitermachen will und eine, die so sein will wie früher. Und was ist jetzt besser?
Immer und immer wieder sage ich, dass ich sofort wieder normal essen will und alles tue, damit ich es schaffe. Aber das klappt nicht.
Ich versuche, offener mit der Sache umzugehen und rede nun auch mit meinen engsten Freunden darüber, einfach um zu vermeiden, dass ich so weiter mache. Denn ich bin mir sicher, Essstörungen ernähren sich gerade zu von der Geheimhaltung.
Ich schaffe es immer wieder, zu vergessen, dass ich etwas essen sollte. Ich reflektiere es gar nicht erst, weil ich es schlichtweg unwichtig finde. Würde meine Mitbewohnerin mich nicht öfters daran erinnern und mir ins Gewissen reden, würde ich nicht merken, dass gerade was falsch läuft.
Ich gehe für viele (zugegebenerweise für fast alle) Mahlzeiten zu ihr aufs Zimmer, weil ich momentan nicht alleine Essen kann. In meinem Zimmer stochere ich im Essen herum und habe keine Lust es durchzuziehen und wirklich zu essen.
Ich fühle mich dabei manchmal wie jemand, der die Verantwortung für sich selbst nicht tragen kann. Es ist so komisch, dass ich nicht auf mich selbst achten kann und immer wieder jemanden brauche, um mich aufzuraffen, etwas zu essen.
Aber eins spüre ich, mein Wille muss größer sein, es schaffen zu wollen, denn ich kann die Erinnerungen an das Essen und die Ideen annehmen, ohne dabei genervt zu sein und abzustreiten, dass ich nichts ändern müsste.

Und man kann immer wieder neu beginnen

Meine Stimmung ist am absoluten Nullpunkt und immer wieder denke ich, dass ich dagegen an arbeiten will und schiebe kurzzeitig die Gedanken weg, bis sie mit einem großen Schwung zurückkommen.
In der Schule sagt jemand ich sehe depressiv aus, blass und ich wäre so still, was nicht zu mir passt. Eigentlich sollte es mich aufrütteln, kommt es mir in den Kopf. Aber ich habe gerade einfach keine Lust mich zusammenzureißen, um irgendeine Fassade zu wahren.
Im Endeffekt ist es mir sowieso egal was sie denken, weil es meine eigene Sache ist.
Ich kann gar nicht sagen, ob ich aus Disziplin nichts esse, oder weil ich einfach so schlecht drauf bin. Ich finde keine Antwort darauf und es ist einfach ermüdend, eine Antwort darauf zu suchen. Scheinbar gibt es die gerade auch gar nicht.
Von außen reden mir die Menschen, die es wissen sehr gut zu und schaffen es dadurch, dass ich mich nochmals aufraffe, dagegen an zu arbeiten.
Es klappt nicht alles gleich auf Anhieb, weil ich schon wieder vergesse, etwas essen zu müssen oder nicht weiß, was ich essen könnte.
Nachdem ich mir nun schon körperlich merke, dass ich wieder den absoluten Blödsinn getrieben habe, esse ich, zwar ohne Appetit mein erstes, warmes Essen die Woche: Spinat. Aus anfänglicher Unsicherheit esse ich doch die Schale auf und merke, dass es mir einfach nur gut danach geht. Die Bauchweh, die mich anfangs noch irritiert haben, ordne ich Rexi zu, die mich einfach nur ärgern will. Aber ich ignoriere es, indem ich mich auf meinen Schulkram stürze, der mich sowieso den kompletten Nachmittag einnimmt.
Nachdem ich eine ganze Weile gearbeitet habe und erneut meine Zeilen hier von Anfang an lese, kommt mir der Gedanke, dass ich mir Müsliriegel machen könnte.
Ich bin mit eine mal überrascht, dass meinem Köpfchen da oben so etwas einfällt. Scheinbar haben meine grauen Zellen da oben sich in einer großen Mannschaft zusammen getan und mein Zimmer gescannt, sind auf den großen Behälter mit Haferflocken gestoßen und haben alle Variationen für Haferflocken in den Schublaben meiner Gehirnmaße rausgesucht. Schlussendlich wissen sie, dass ich Haferflocken liebe und selbstgemachte Müsliriegel (Danke nochmal, ihr grauen Zellen da oben!)
Ohne nur einmal an Rexis doofe Stimme zu denken, lasse ich alles stehen und liegen. Wenn ich mir nicht jetzt sofort selbst Müsliriegel mache, dann ja wohl nie wieder. Alles was ich finden kann, packe ich auf meinen Tisch und bin zum ersten Mal in dieser Woche zufrieden mit meinem Plan.
Ich versuche, alle Sachen mit beiden Armen zu transportieren und komme euphorisch in der Küche an. Ohne jegliches Nachdenken mache ich alles so, wie ich das will und nicht so wie Rexi. Weil Rexi eigentlich gar nichts zu sagen hat, sie muss es ja schließlich auch nicht essen.
Ich habe nicht mal ein genaues Rezept und nehme Apfelsaft, Kokosmilch, Zitronensaft, Marmelade und Honig. Ich weiß nicht wie es werden wird, aber ich kann es kaum erwarten.
Meine gute Laune wirkt wie befreiend und ich habe das Gefühl, etwas Richtiges zu tun. Ich finde es so erstaunlich, dass Rexi nicht gegen meine gute Laune ankommt und ich es auch nicht zu lassen werde.
Die Müsliriegel sind nach 15 Minuten fertig und in der Zwischenzeit habe ich ein erneutes Blech in den Ofen geschoben, bei dem ich mich mehr getraut habe. Ich habe meine längst vergessene Mandelcreme auf die Riegel gestrichen, Schokoladenstücke drauf verteilt und Himbeermarmelade, sowie Honig. Ein zauberhafter Duft hat sich in der Küche verbreitet und ich fühle mich wie ein kleines Kind, dass auf den Weihnachtsmann wartet. Ich freue mich, dass so viele meiner Mitbewohner auch in der Küche sind, sie wissen es zwar nicht, aber ich kann diesen für mich wunderbaren Moment mit ihnen teilen, zum ersten Mal nach der Woche etwas so wunderbar Richtiges zu tun und zu essen. Ich kann dieses Gefühl gar nicht auf ein Blatt Papier bringen, weil es so viel mehr ist, als nur ein Riegel. Er bedeutet, dass ich wieder den ersten Schritt getan habe, dass ich wieder auf der richtigen Spur bin.
Und er schmeckt, er schmeckt mir einfach so unglaublich gut und ich habe ihn ohne Einschränkungen gebacken. Um es mir zu beweisen, esse ich mehrere. Vielleicht im Nachhinein ein paar zu viele, weil ich immer noch nicht ganz stabil bin. Aber ich fühle nur, dass es zu viel ist, mehr nicht. Ich denke nicht darüber nach, weil es unwichtig ist. Ich spüre nur, wie ich mit eine Mal fitter werde und es sich nicht schlecht anfühlt. Es ist so schön, dass ich gerade wieder so etwas wie Glück verspüre und wirklich aus dem Herzen Freude zeigen kann, ohne eine Maske zu tragen.
Es stimmt schon, dass man sich wundert, dass man so Stimmungsschwankungen hat und ich habe auch an diesem Abend manchmal mit mir gerungen, ob ich mir gerade etwas vormache oder es träume. Aber man sollte es einfach zulassen, weil glücklich sein nicht falsch sein kann.

Rexi fliegt ins Unbekannte nichts

An dem Abend habe ich auch noch etwas getan, was mir aus heiterem Himmel einfiel.
Ich habe einen Luftballon genommen, ihm ein Gesicht und den Namen Rexi gegeben.
In unserem Wohnheim gibt es eine Art Luftschacht, von dem aus alle Stockwerke mit den Küchen und Toiletten abgehen.
Ich habe diesen Luftballon also genommen und ihn nach unten in die Tiefe befördert. Erst konnte ich ihn noch in der Dunkelheit nach unten schweben sehen und dann habe ich ihn nicht mehr gesehen. Er ist unten angekommen und sofort ins Schwarz getränkt worden. Er ist für mich nicht mehr sichtbar und nicht mehr greifbar. Er liegt zwar da unten noch im Dunkeln, aber er kann nicht mehr hochkommen und ich kann ihn nicht mehr greifen.
Rexi ist also gegangen, weil ich Rexi rausgeschmissen habe.
Vielleicht wird Rexi nochmal versuchen hochzukommen, aber dann muss sie erstmal den Weg hoch erklimmen. Ich werde ihr jedenfalls nicht mehr dabei helfen, weil ich sie nicht brauchen werde. Sie wird es vielleicht bis zum Fenster meines Stockwerkes schaffen und sich erkennbar machen, aber ich muss das Fenster nicht aufmachen. Ich kann es verschlossen lassen oder aufmachen und Rexi einfach weg pusten, mit aller Kraft die ich in mir habe. Und vielleicht wird dieser Windzug dann einmal so groß sein, dass ich nicht mal mehr weiß, dass Rexi da unten im verborgenen schlummert und wartet, dass ich ihr eine Chance gebe. Vielleicht wird sie auch einfach irgendwann platzen und nur noch ihre kleinen Einzelteile werden zu finden sein, die mich an sie erinnern lassen.
Aber eins hoffe ich aus tiefstem Inneren, dass sie nicht mit einem Windhauch zu jemand anderem fliegt. Das sie diesem jemand mit einem Lächeln gegenüber steht und er das Fenster für Rexi öffnet und sie bei sich reinlässt.
Sie will vielleicht Anfangs nichts Böses, aber sie will zu viel von dir und das musst du ihr nicht geben.
Es macht Dich so unbefangen, weil Rexi Dich so fest umarmt, dass Du dich nicht lösen kannst. Eigentlich gibt es nur noch Dich und Rexi, weil nicht mehr viel von Dir übrig bleibt, weil sie den Platz einnimmt, der Dich vorher ausgemacht hat.
Sie engt Dich so ein, dass Du dich selbst nicht mehr spüren kannst.
Irgendwann stellst Du dir die Frage, wo Du geblieben bist.