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Therapie der Magersucht: Wie geht es nach der Klinik weiter?

Die Behandlung der Magersucht ist kompliziert und langwierig. Und die Annahme, Betroffene seien nach einer stationären Psychotherapie geheilt, ist ein Trugschluss. Der Kampf gegen die Essstörung im Alltag fängt dann erst richtig an.

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Video: Anne Backhaus


Ohne Frage ist ein stationärer Klinikaufenthalt für die meisten Menschen mit Magersucht ein wichtiger und unvermeidlicher Schritt. Dort lernen sie in einem geschützten Raum und unter professioneller Betreuung, wieder zu essen. Doch wie können sie das, was sie in der Therapie gelernt haben, zu Hause umsetzen? Was passiert in alltäglichen Stresssituationen, die es in der Klinik nicht gibt?

Vor genau solchen Fragen steht Jule (18): Vor wenigen Wochen wurde sie aus einer Klinik für Essstörungen entlassen. Mehr als drei Monate hatte sie dort verbracht. Doch gerade mal eine Woche hielt sie durch und setzte das, was sie sich in der Klinik mühsam erarbeitet hatte, um. Dann fiel sie in alte Verhaltensmuster zurück. Seither spart Jule wieder Kalorien ein – zu stark sind die alten Gewohnheiten und ihr typisches Verhalten, mit dem sie Konflikte bewältigt.

Die Unsicherheiten bleiben trotz Gewichtszunahme

Vor zwei Jahren erkrankte Jule an einer bulimischen Magersucht: Die wenige Nahrung, die sie überhaupt zu sich nimmt, erbricht sie. Als sie 17 Jahre alt war, wies ihre Hausärztin sie in ein Krankenhaus ein, wo sie zunächst einige Tage künstlich ernährt wurde, bevor die Ärzte sie nach zwei Wochen in die Kinder- und Jugendpsychiatrie überwiesen. 700 Gramm pro Woche musste sie dort zunehmen. Schaffte sie das nicht, drohten ihr Konsequenzen wie Ausgangssperre am Wochenende.

Nach zwei Monaten wurde sie entlassen. Mit zehn Kilo mehr – und denselben Unsicherheiten. Die Zeit in der Psychiatrie war zu kurz, um sich an die körperlichen Veränderungen zu gewöhnen. Für die 17-Jährige war die Gewichtszunahme zu massiv. Der Rückfall ließ nicht lange auf sich warten, und Jule hungerte wieder. Kurz darauf folgte der fast viermonatige Aufenthalt in einer auf Essstörungen spezialisierten Klinik.

Körpertherapien: Sich selbst wieder spüren

Über die Körpertherapie
In der Körpertherapie steht der Körper im Mittelpunkt der therapeutischen Arbeit mit dem Ziel, dass die Patienten ihren Körper und seine Bedürfnisse (wieder) besser spüren. Dazu gehören Entspannungs-, Atem- und Bewegungstherapien sowie verschiedene Massageverfahren. Auf diese Weise sollen körperliche, psychische und soziale Kompetenzen gefördert werden.

Dort mochte Jule die Gruppentherapien. Und auch die Körpertherapie fand sie hilfreich. Wie viele andere Magersüchtige leidet Jule unter einer sogenannten Körperschemastörung: Sie erlebt ihren Körper deutlich größer und breiter als er tatsächlich ist.
“Ich ordne meine Bedürfnisse und Gefühle jetzt besser ein. Trotzdem sehe ich meinen Körper noch nicht realistisch. Wenn ich zum Beispiel shoppen gehe, bin ich in der Umkleide jedes Mal erstaunt, dass die Hose, die ich mir ausgesucht habe, viel zu groß ist.”

In der Körpertherapie lernte Jule auch Entspannungstechniken. Zwar versucht sie, diese in ihren Alltag einzubauen, allerdings helfen sie ihr nur begrenzt. Bei kleinen Unsicherheiten funktionieren die Techniken gut. Doch werden Stress und Druck zu groß, greift sie zur alten Methode und erbricht die Nahrung. Sie kotzt sich dann buchstäblich aus.

Ambulante Psychotherapie ist wirksam bei Magersucht

So wie Jule geht es vielen anderen. Kann eine stationäre Therapie, während der Betroffene vom Alltag größtenteils abgeschottet sind, wirklich langfristig helfen?

2013 führten Stephan Zipfel und Wolfgang Herzog von den Universitätskliniken Tübingen und Heidelberg die weltweit größte Studie zu diesem Thema durch, genannt ANTOP (“Anorexia Nervosa Treatment of Out Patients”): In einem Zeitraum von zehn Monaten kamen bei drei Gruppen von jeweils 80 Patientinnen ein anderes Psychotherapieverfahren zum Einsatz: Die fokale psychodynamische Psychotherapie, die kognitive Verhaltenstherapie und die Standard-Psychotherapie. Die beiden ersteren Formen sind zwei neue Verfahren, die speziell für die ambulante Behandlung der Anorexie entwickelt wurden.

  • Die fokale psychodynamische Psychotherapie bearbeitet die ungünstige Gestaltung von Beziehungen sowie Beeinträchtigungen bei der Verarbeitung von Emotionen. Die Patientinnen werden speziell auf den Alltag nach Ende der Therapie vorbereitet.
  • Die kognitive Verhaltenstherapie hat zwei Schwerpunkte: zum einen die Normalisierung des Essverhaltens und Gewichtssteigerung. Zum anderen die Bearbeitung jener Problemfelder, die mit der Essstörung verbunden sind: zum Beispiel. Schwächen in sozialer Kompetenz oder Schwierigkeiten, Probleme zu lösen.
  • Die Standard-Psychotherapie wurde von erfahrenen Psychotherapeuten durchgeführt, die sich die Patientinnen selber aussuchen konnten. Ergänzend waren die Hausärzte in die Therapie eingebunden.
    (Quelle: Klinikum-Heidelberg.de)

“Alle drei Therapien waren im Sinne einer mittleren Gewichtszunahme erfolgreich”, sagt Zipfel. “Auch in dem Jahr nach der von uns angebotenen Behandlung haben die Patientinnen weiter an Gewicht zugenommen. Das ist etwas sehr Besonderes, da gerade die magersüchtigen Patientinnen nach stationären Behandlungen schnell wieder an Gewicht verlieren.” Insgesamt war das Ergebnis der fokalen psychodynamischen Therapie am besten. Zipfel betont jedoch:

Was ist der BMI?
Körpergewicht geteilt durch Körpergröße zum Quadrat: So errechnet sich der Body-Mass-Index, kurz BMI. Was als Normalgewicht gilt, hängt vom Lebensalter ab: Bei 19- bis 24-Jährigen soll der BMI zwischen 19 und 24 liegen, bei über 64-Jährigen zwischen 24 und 29. Ab einem BMI von weniger als 17,5 sprechen die Mediziner von einem anorektischen Gewicht.

“So eine Therapie funktioniert nur für Patientinnen, die zwar stark untergewichtig sind, deren Gewicht aber nicht im lebensbedrohlichen Bereich liegt. Alle unsere Teilnehmerinnen hatten einen Mindest-BMI von 15.”

Nach einer stationären Therapie ist die Behandlung längst nicht abgeschlossen. Zu häufig und zu schnell verlieren Betroffene ihr Gewicht wieder und fallen in alte Verhaltensmuster zurück. Ein ganzheitliches Konzept ist nötig, das auch nach der stationären Behandlung eine engmaschige ambulante Betreuung vorsieht. Die ANTOP-Studie hat darüber hinaus gezeigt, dass die reine ambulante Therapie eine wirksame Alternative zum mehrwöchigen Klinikaufenthalt darstellt.

Jule hat begriffen, dass die Gefahr groß ist, zurück in die akute Magersucht zu rutschen. Aus diesem Grund hat sie sich entschieden, demnächst in eine betreute Wohngruppe für Frauen mit Essstörungen zu ziehen.

Fotoreihe – Anorexie: Daily Essentials
31. Juli 2014

Die Formen der Magersucht sind individuell und vielschichtig. Und so gestaltet sich meistens auch die Therapie der Essstörung. Viele Patientinnen und Patienten entwickeln gemeinsam mit ihren Therapeuten unterschiedliche, persönliche Methoden (“Skills”), die ihnen in Stress auslösenden Situationen helfen, die innere Anspannung anders abzubauen als mit Hilfe der ursprünglich erlernten Verhaltensmuster: Hungern, Erbrechen, Selbstverletzung – um nur ein paar zu nennen.

Für viele Patientinnen und Patienten ist die Essstörung viele Jahre lang die einzige Möglichkeit zur vermeintlichen Problemlösung. Umso schwieriger ist es, Alternativen zu finden, die ihnen ähnlich “gut” helfen wie die Krankheit. Wie können sie sich ablenken? Wie finden sie Wege aus der inneren Unruhe, aus der Angst? Einige schreiben Tagebuch, manche malen oder tanzen, andere hören bestimmte Lieder und wieder andere essen Chilischoten, um den körperlichen Druck durch extreme Reize abzubauen.

Für meine Fotoreihe “Anorexie: Daily Essentials” habe ich zehn an Essstörungen betroffene Menschen gebeten, mir ihre wichtigsten Gebrauchsgegenstände im Umgang mit der Essstörung zu nennen: Was assoziieren sie unmittelbar mit ihrer Erkrankung? Worauf können sie nicht verzichten? Und welche Utensilien geben ihnen in ihrem Alltag Halt und helfen ihnen im Kampf gegen die Essstörung?

Herausgekommen sind 10 unterschiedlichste Bilder, die einmal mehr verdeutlichen, dass es nicht möglich ist, Symptome und Ausprägungen zu verallgemeinern.

Therapie der Magersucht: Wieder lernen zu essen
16. September 2014

Mit 16 Jahren erkrankte Jule an einer bulimischen Magersucht. Heute ist sie 19 Jahre alt und wurde vor wenigen Monaten aus einer Klinik für Essstörungen entlassen. Während ihres dreimonatigen Aufenthaltes hat sie es geschafft zuzunehmen und hat gelernt, ihr Essen nicht mehr zu erbrechen. Doch die Nahrungsaufnahme fällt ihr nach wie vor schwer, immer noch rechnet sie im Supermarkt aus, welches Lebensmittel wie viele Kalorien hat und teilt sie in erlaubt und verboten ein:

Video: Anne Backhaus. Anmerkung: Die junge Frau rechts im Bild ist Jules beste Freundin. Sie leidet nicht an einer Essstörung.

Bereits eine Woche nach ihrer Entlassung fiel Jule in alte Verhaltensmuster zurück. Hier erzählt sie von ihrem Klinikaufenthalt, ihrem ständigen Kampf gegen die Magersucht und ihren Zukunftsplänen.

Anorexie bei Männern: “Magersucht ist ähnlich wie Alkoholismus”
11. März 2015

Magersucht, typisch Frau? Dass Männer an einer Essstörung leiden, ist selten, aber kein Sonderfall. Das stellt Therapieeinrichtungen vor ein Problem: Allein unter Frauen fühlen sich die Betroffenen nicht immer gut aufgehoben.

Monatelang führte Stephan Will einen Wettbewerb. “Gegen mich selbst”, sagt er. “Die Waage war dabei mein bester Freund.” Stephan ist magersüchtig. Immer wieder setzte sich der 46-jährige Rettungsfahrer ein neues Zielgewicht. Hatte er eines erreicht, fühlte er sich besser – und legte ein neues, noch niedrigeres fest. 30 Kilo nahm er so ab, in nur drei Monaten.

“Ich hatte eine schlimme Zeit hinter mir”, erzählt er. Er musste er einen Mann auf der Straße reanimieren. “Ich konnte ihn nicht retten. Das war alles zu viel für mich.”
Stephan zog sich komplett zurück. Aus dem Alltag und von seiner Familie. Stundenlang saß er alleine im Bad und hörte Musik. Er aß kaum noch, trank dafür umso mehr Alkohol. “Nach einer halben Flasche Rum war es mir auch egal, wenn meine Familie wütend war oder vor Sorge um mich weinte.”

Dass er an Anorexia nervosa erkrankt sein könnte, kam ihm nicht in den Sinn. Eine Freundin war es, die zum ersten Mal von Magersucht und Depression sprach und ihm auch klarmachte, dass er Hilfe bräuchte. Schließlich machte Stephan zwölf Wochen lang eine stationäre Therapie.

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“Andere Jungs in meinem Alter sahen ganz anders aus”

Den exzessiven Kampf gegen seinen eigenen Körper kennt auch Julian. Der 24-Jährige, der seinen richtigen Namen nicht nennen möchte, erkrankte mit 17 Jahren an Magersucht. Auch er suchte immer wieder das Erfolgserlebnis: Noch eine Stunde länger joggen, ein Kilo mehr verlieren. Zwar fühlte er sich irgendwann unattraktiv und vor allem unmännlich. “Ich schämte mich dafür, so dünn zu sein”, sagt Julian. “Andere Jungs in meinem Alter sahen ganz anders aus.” Trotzdem hungerte er weiter, bis er stark untergewichtig mit einem Body-Mass-Index (BMI) von 17 in eine Spezialklinik kam.

Was ist der BMI?
Körpergewicht geteilt durch Körpergröße zum Quadrat: So errechnet sich der Body-Mass-Index, kurz BMI. Was als Normalgewicht gilt, hängt vom Lebensalter ab: Bei 19- bis 24-Jährigen soll der BMI zwischen 19 und 24 liegen, bei über 64-Jährigen zwischen 24 und 29. Ab einem BMI von weniger als 17,5 sprechen die Mediziner von einem anorektischen Gewicht.

Dass Männer an einer Essstörung erkranken, ist selten, aber kein Sonderfall mehr. Schätzungsweise 10 bis 15 Prozent der Betroffenen sind inzwischen männlich. “Männer und Frauen unterscheiden sich vor allem im Alter der Erkrankung”, sagt Elisabet Rauh, Chefärztin der Schön Klinik Bad Staffelstein und Vorsitzende des Bundes Fachverband Essstörungen (BFE). “Der Großteil der Männer erkrankt zwischen dem 18. und 26. Lebensjahr. Frauen sind deutlich früher gefährdet.”

Der pubertäre Wachstumsschub von Mädchen beginne eher und sei deutlich schneller als bei Jungs, so Rauh. Sie bekämen Rückmeldungen zu ihrem langsam weiblich werdenden Körper, teils sexueller Art, oft wenn sie noch sehr jung seien. “Damit sind viele überfordert und deshalb anfälliger für eine Essstörung als Jungs im gleichen Alter.” Bei den männlichen Patienten stünde außerdem weniger die Angst vor Fett und Kalorien im Vordergrund, sondern der Aufbau von Muskeln und der Wunsch nach einem männlichen Körper.

Männer sind in der Therapie häufig die “Exoten”

Das Problem bei der Therapie: Obwohl männliche Magersucht keine Seltenheit mehr ist, sind Männer in Spezialkliniken häufig die “Exoten”. Auch Stephan und Julian saßen als einzige Männer bei der Gruppentherapie. “Obwohl ich die Frauen größtenteils verstehen konnte, und unsere Probleme ähnlich sind, kam es zu skurrilen Situationen”, erzählt Stephan. Etwa wenn die Patientinnen über ihre Problemzonen wie Bauch, Busen und Po redeten.

Manche Themen wie etwa die eigene Männlichkeit und Sexualität werden aus Scham gemieden. “Wie viele andere Essgestörte habe ich Angst zu versagen, vor allem beim Sex”, sagt Julian. “Doch in einem Raum voller Mädchen fragt man nicht mal eben: ‘Und, wie geht es euch damit?’” Auch seine Einsamkeit und die Sehnsucht nach Nähe erwähnte er nicht. Zu groß war die Angst des damals 19-Jährigen, Schwäche zu zeigen oder unmännlich zu wirken.

Elisabeth Rauh kennt diese Problematik. Sie hat sich deshalb entschieden, in ihrer Klinik keine Männer mehr zu behandeln. “Wir haben nur 50 Betten und mit ein bis zwei männlichen Patienten im Jahr konnten wir keine Gruppen ausschließlich für Männer anbieten”, sagt Rauh. Spezifisch männliche Probleme blieben oft unausgesprochen. Deshalb sei es schwer, jeden Patienten mit seinen unterschiedlichen Krankheitsfaktoren individuell behandeln zu können. “Das ist bei einer derart komplexen Krankheit gesellschaftlich und therapeutisch ein großer Nachteil. Wir empfehlen den Männern dann immer das Angebot größerer Kliniken.”

Julian blieb 16 Wochen in der Klinik, direkt nach der Entlassung merkte er aber, dass die Magersucht immer noch zu stark war. Wieder trieb er extrem viel Sport und aß zu wenig. Nach einem zweiten Klinikaufenthalt kam er bei ANAD unter, einer Organisation, die therapeutische Wohngruppen für Menschen mit Essstörungen anbietet. In einer Gruppe ausschließlich für Männer schloss er die Schule ab. Heute macht er eine Ausbildung zum Ergotherapeuten.

Auch Stephan Will arbeitet wieder als Rettungsfahrer und schafft es, sein Gewicht zu halten. Obwohl er der einzige Mann in der Gruppentherapie war, hat sie ihm geholfen: Viele Themen seien letztendlich doch unabhängig vom Geschlecht, sagt er. Nach wie vor ist er jedoch auf therapeutische Hilfe angewiesen – einmal im Monat geht er zu einem Psychiater und alle 14 Tage zur Psychotherapie. Wie Julian ist er sich bewusst: “Anorexie ist ähnlich wie Alkoholismus. Es ist immer möglich, Rückfälle zu erleiden.”

Stationäre Therapie der Magersucht: Malinas Klinikalltag
14. Mai 2015

Mit 16 Jahren war die heute 17-jährige Malina für 12 Wochen in einer Spezialklinik für Essstörungen. Ihre Tage dort waren von morgens bis abends durchgeplant. Das Ziel hinter der strengen Therapie: wieder essen und den eigenen Körper besser spüren.

Wiegen

Malina wartet im Bademantel mit den anderen Patientinnen vor dem Schwesternzimmer. Drinnen steht die Waage, auf die sie sich gleich in Unterwäsche stellen wird. Dreimal in der Woche – Montags, Mittwochs und Freitags – werden die Mädchen gewogen. Erst wenn sie nicht mehr im starken Untergewicht sind, reduzieren die Therapeuten das Wiegen auf einen Termin in der Woche. Jeden Morgen sind die Patientinnen, die an Magersucht oder Bulimie leiden, nervös, die Ungewissheit und Anspannung ist deutlich zu spüren. 500-700 Gramm müssen sie pro Woche zunehmen. Oft kommen die Mädchen weinend aus dem Zimmer, entweder haben sie das Wochenziel nicht erreicht oder sie sind mit der Zunahme überfordert – schließlich haben sie lange Zeit um jedes Gramm weniger gekämpft.

Frühstück

Die Patientinnen (Jungs gibt es hier nur selten), sitzen jeweils mit ihrer festen Gruppe, mit der sie auch Therapien haben, an einem Tisch. Neben ihnen haben sich die sogenannte Diätassistenten der Klinik niedergelassen, die darauf achten, dass die Mädchen auch wirklich essen. Jede von ihnen bekommt einen Teller mit einer fertig portionierten Mahlzeit vorgesetzt, ein halbes Brötchen ist Pflicht. Ob sie die zweite Hälfte essen oder anstatt dessen lieber Müsli möchten, besprechen Malina und die anderen mit den Diätassistenten. Wichtig ist, dass sie ihre Rationen aufessen. Nach ein paar Wochen dürfen sie sich ihr Frühstück selber am Buffet auswählen und am Ende der Therapie essen sie sogar mit den anderen Patienten, die an keiner Essstörung leiden, gemeinsam im großen Speisesaal.

Psychotherapiegruppe

Rund zehn Patientinnen sitzen hier für knapp eine Stunde mit der Psychologin zusammen, die auch ihre Gruppenleiterin ist. Hier ist Platz für alle Themen, die ihnen auf dem Herzen liegen – und die nichts mit Essen oder Gewicht zu tun haben: Freunde, Familie oder schwierige Situationen aus ihrem Alltag. Eines der häufigsten Themen ist Einsamkeit, die selbstgewählte Abgrenzung der Mädchen von ihren Freunden.

Zwischenmahlzeit

Zu Beginn des stationären Aufenthalts war die Wärmflasche Marinas ständiger Begleiter. Die plötzliche Menge an Essen überforderte ihren Körper, den sie viele Monate hungern ließ. Die Konsequenz waren starke Bauchschmerzen. Beim zweiten Frühstück können die Mädchen zwischen einem Joghurt, einem Schokoriegel oder einer Hand voll Kekse wählen. In den ersten Tagen der Therapie ist allerdings der Sahnejoghurt Pflicht. Auch die Zwischenmahlzeit wird wieder im betreuten Essensraum eingenommen, abseits vom großen Speisesaal.

Schule

Die Mädchen in Malinas Gruppe sind zwischen 14 und 17 Jahren alt. Aus diesem Grund haben sie jeden Vormittag 1,5 Stunden Unterricht mit Lehrern aus der Nachbarschule. Hier lösen sie Aufgaben, die sie von der Heimatschule zugeschickt bekommen.

Mittagsessen

Malina sitzt wieder an ihrem Tisch, einen Teller mit warmen Essen vor sich. Das Mittagessen ist für die Patientinnen oft buchstäblich die schwerste Mahlzeit; Malina hat sich in den ersten Tagen vor allem mit den fettigen Speisen gequält: mit Käse überbackene Aufläufe oder Nudeln mit Sahnesauce. Es dauert oft lange, bis der Genuss die Angst vor Masse ablöst. Auch bei den Mahlzeiten kommt es immer mal wieder zu Tränen, doch die Diätassistenten sind zur Stelle, um über Probleme zu reden – und Lösungen zu finden. Manchmal gibt es Kompromisse: “Lass es jetzt liegen, dafür isst du dann später einen Schokoriegel”. Die Mädchen, die an Bulimie leiden, sitzen nach dem Essen für eine halbe Stunde im Zimmer der Krankenschwestern, damit sie die Nahrung nicht erbrechen.

Mittagsgruppe

In der Mittagsgruppe sprechen die Mädchen mit der Gruppenleiterin und mit den Diätassistenten ausschließlich über Gewicht: Wer hat zu- und wer abgenommen? Welche Essensrationen werden erhöht? Bei wem läuft es gut?

Einzelgespräch

Für 50 Minuten spricht Malina einmal in der Woche allein mit einem Psychologen, bei Bedarf bekommt sie weitere Sitzungen. Hier arbeitet sie an ganz privaten Themen, die in der Gruppe keinen Platz haben.

Zwischenmahlzeit

Am Anfang der Therapie gibt es nachmittags für jedes Mädchen einen Schokoriegel oder einen Keks, 200 ml Milch und ein Stück Obst. Später, wenn sich das Gewicht stabilisiert hat, können sie sich die Mahlzeiten selber kaufen. Früher war es möglich, die Zwischenmahlzeit auch außerhalb des Speisesaals zu essen, doch viele Mädchen haben dies ausgenutzt: Als immer wieder weggeworfene Lebensmittel auf dem Klinikgelände gefunden wurden, schafften die Therapeuten die Alleingänge ab.

Bewegungstherapie

Die Körperwahrnehmung steht hier im Vordergrund, die Mädchen arbeiten mit ihren Sinnen und schulen außerdem ihr Vertrauen: Sie verbinden sich gegenseitig die Augen und führen sich durch den Raum. So lernen sie, die Kontrolle auch mal abzugeben. Manchmal tanzen sie oder massieren sich gegenseitig mit einem Igel-Ball. In den ersten Stunden tat Malina sich sehr schwer: Sie hatte Berührungsängste und wollte ihren Mitpatientinnen nicht so nah sein. Doch je besser sie einander kennenlernten, desto wohler fühlte sie sich damit.

Abendessen

Malina isst mit ihrer Gruppe Brot und Aufschnitt. Dazu bekommt sie ein Schälchen Salat und Dressing.

Abendprogramm

Die Patientinnen haben hier die Wahl zwischen einem Kreativ- oder Sportprogramm. Um an Angeboten wie Wassergymnastik oder Federball teilnehmen zu dürfen, muss ihr Gewicht jedoch stabil sein. Auch den Fitnessraum können sie in Absprache mit den Therapeuten und zu Beginn unter deren Aufsicht benutzen.

Spätmahlzeit

Die Spätmahlzeit ist freiwillig, Malina hat sich dagegen entschieden und dafür die Rationen bei den Hauptmahlzeiten erhöht. Sie sei noch nie ein Zwischendurch-Esser gewesen, sagt sie.

Nachtruhe

Die Mädchen ziehen sich auf ihre Zimmer zurück.

Frühe Behandlung für Therapieerfolg entscheidend
25. November 2015

Junge Patienten, die an Magersucht leiden, haben eine realistische Chance, wieder gesund zu werden. Dies gilt besonders, wenn ihre Behandlung frühzeitig beginnt. Das geht aus einer in der Zeitschrift Lancet Psychiatry veröffentlichten Empfehlung internationaler Experten über die Anorexia nervosa hervor. Es bestehe jedoch weiterhin großer Forschungsbedarf. Er betreffe zum einen erwachsene Magersüchtige, für die es bisher nur eingeschränkt wirksame Behandlungen gebe. Die genauen Ursachen der Erkrankung müssen weiter erforscht werden, sagt auch die DGPM. Erst so könnten eine bessere, schnellere und dauerhafte Heilung erzielt und auch entsprechende Präventionsprogramme aufgelegt werden.

„Trotz der Schwere der Erkrankung sind wir von einem umfassenden wissenschaftlichen Verständnis der Essstörung noch weit entfernt“, sagt Stephan Zipfel, Erstautor der Arbeit und Ärztlicher Direktor der Abteilung für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie am Universitätsklinikum Tübingen. Jedoch habe es in den letzten fünf Jahren wichtige neue Erkenntnisse zu möglichen Ursachen und Therapieansätzen der Anorexia nervosa gegeben.

Die Auswertung der vorliegenden Studien zeige etwa, dass rund 40 Prozent aller Patienten unter Therapie wieder gesund würden; bei jungen Patienten liege der Anteil noch deutlich höher. „Ein früher Zugang zu qualifizierter Hilfe ist entscheidend für eine gute Prognose“, betont Zipfel, der das Kompetenzzentrum für Essstörungen (KOMET) in Tübingen leitet. Das kritische Zeitfenster hierfür liege bei einer Erkrankungsdauer von unter drei Jahren – danach würde eine vollständige Genesung immer schwieriger. „Ärzte aller Fachrichtungen müssen deshalb darin geschult sein, AN frühzeitig zu erkennen und ihre Patienten gegebenenfalls rasch zu Spezialisten überweisen“, fordert Professor Dr. med. Harald Gündel, Mediensprecher der Deutschen Gesellschaft für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie (DGPM).

Bei Heranwachsenden mit Magersucht haben sich spezifische familienorientierte Behandlungsansätze als besonders wirksam erwiesen. Bei diesen Therapien handelt es sich um ambulante Ansätze, bei denen Eltern konkrete Unterstützung und Schulung erhalten, um die Hauptverantwortung für Essen und Gewicht ihrer Kinder übernehmen zu können. Obwohl es zunehmend Studien gibt, die auch die verschiedenen Behandlungsverfahren bei Erwachsenen untersucht haben, hat sich in dieser Altersgruppe bisher jedoch noch kein Therapieansatz als klar überlegen herauskristallisiert. Des Weiteren existieren zahlreiche neue, psychobiologische Konzepte, wie beispielsweise eine gezielte Gehirnstimulation, oder telemedizinische Begleitung, die in ihrer Wirksamkeit jedoch noch nicht abschließend überprüft wurden.

„Es besteht Übereinstimmung darüber, dass wir dringend neue Behandlungskonzepte brauchen, um die Ergebnisse weiter zu verbessern, besonders bei Erwachsenen“, betont Zipfel. Ein wichtiger Ansatz liege im Erforschen und gezielten Adressieren von Krankheitsmechanismen. Diese Kenntnisse könne man auch zur Prävention nutzen. „Momentan ist es jedoch entscheidend, die Signale rechtzeitig zu erkennen und früh mit der Behandlung zu beginnen“, so Gündel.

Versorgungslücke: Magersüchtig zwischen Sterbenskranken
10. Dezember 2015

Eine junge Frau hat ein lebensbedrohlich niedriges Gewicht und sucht Hilfe – doch Spezialkliniken lehnen sie ab. Ärzte überlegen sogar, sie auf die Palliativstation zu verlegen. Der Fall zeigt eine dramatische Versorgungslücke.

Esra*kann nicht essen. Seit Jahren verliert die junge Frau an Gewicht, war zeitweise lebensbedrohlich mager. Immer wieder wurde sie in einem Krankenhaus in Unna, einer nordrhein-westfälischen Kleinstadt, medizinisch versorgt. Doch ihr Zustand verschlechterte sich weiter und schien immer gefährlicher zu werden. Sozialarbeiter und Mediziner wussten nicht mehr weiter. Sie überlegten, ob die Palliativstation der richtige Ort für die Patientin sei. Doch die 28-Jährige leidet nicht an unheilbarem Krebs. Esra ist magersüchtig.

Psychologin Jessica Leiwen, die im Krankenhaus Unna vorwiegend mit Krebskranken arbeitet, war betroffen, als sie von dem geplanten Behandlungsschritt erfuhr. “Für mich war aufgrund der diagnostischen Kriterien klar, dass diese Patientin nicht auf eine Palliativstation gehört “, sagt sie. Doch die Begründung der Kollegen sei gewesen: Da die junge Frau willentlich nicht isst, hat sie scheinbar mit dem Leben abgeschlossen. “Sie hatten das Beste für Esra im Sinn, konnten aber vor Ort keinen anderen Weg gehen”, erklärt Leiwen.

Esra wusste nicht genau, was Palliativmedizin bedeutet – nämlich die Begleitung und Versorgung schwerkranker Menschen, deren Tod unausweichlich bevorsteht. “Als ich ihr das erklärte, was palliativ heißt, konnte ich die Angst in ihren Augen sehen”, so Leiwen. “Sie war völlig aufgelöst, verzweifelt, denn sie will ja leben, kommt aber aus ihrer psychischen Erkrankung nicht heraus.” Dies sei zu vergleichen mit schwer depressiven Patienten in einer suizidalen Krise, die nach Überwindung der Krankheit oft nicht mehr nachvollziehen können, warum sie ihr Leben beenden wollten, so die Psychologin.

Die Aufklärung der Patienten ist eines der wichtigsten Kriterien in der Palliativmedizin. “Alle Optionen der Behandlung werden mit dem Patienten besprochen und alle Entscheidungen gemeinsam mit ihm erarbeitet. Und wofür auch immer er sich entscheidet, wir begleiten ihn dabei”, erklärt Boris Hait, Leitender Oberarzt des Palliativzentrums Unna. “Wir verstehen uns als Anwälte der Patienten.”

Auch ihn hatte die Überlegung verwundert, Esra auf seine Station zu verlegen. “Die Kollegen standen mit dem Rücken zur Wand und sahen uns als letzte Instanz.” Doch er war sich sicher, dass Esra trotz ihres sehr schlechten Zustandes und extrem niedrigen Körpergewichtes nach wie vor Chancen auf eine Verbesserung hatte – und aufs Überleben. “Da war im Gesamtspektrum der Therapiemöglichkeiten noch nicht alles ausprobiert worden”, sagt Hait. Schließlich sei das Krankenhaus keine Fachklinik für Magersucht.

Mindest-BMI für die Therapie

In Boris Haits Augen war die Palliativbehandlung nicht angemessen – und gleichzeitig reichte die Versorgung auf der regulären Station nicht aus.
“Sie brauchte eine Behandlung, die Intensivmedizin und eine auf Essstörungen spezialisierte Psychotherapie vereint”, sagt Jessica Leiwen. Diese Kliniken gebe es in Deutschland zwar, doch sie seien selten. Und rein psychosomatische Häuser würden Magersüchtige mit einem extrem niedrigen Gewicht nicht aufnehmen, da sie ohne Intensivstation keine ausreichende medizinische Versorgung garantieren können.

Esra hatte mit einem BMI von 12 sehr starkes Untergewicht und wurde deswegen von vielen Fachkliniken abgelehnt. “Das war zutiefst frustrierend, und die Not wurde immer drängender”, sagt die Psychologin. Denn der Frust verstärkte Esras Depression.

“Sie hatte das Gefühl, nirgendwo ankommen zu dürfen und nicht nur schwer krank, sondern darüber hinaus als Mensch nicht okay zu sein.”

Esras Fall offenbart, dass es eine Lücke bei der therapeutischen Versorgung von Magersüchtigen in Deutschland gibt. Zu wenige Kliniken bieten Behandlungen für Betroffene mit einem lebensbedrohlich niedrigen Gewicht an. In den meisten Fällen betreuen auch ambulante Psychotherapeuten an einer Essstörung erkrankte Menschen erst ab einem BMI von 15, da auch sie das Risiko eines derart niedrigen Gewichts nicht tragen können.

Jessica Leiwen ist außerdem sicher: “Dass in einem Krankenhaus der Grundversorgung spezialisiertes Fachpersonal anwesend ist, das über ein hochkomplexes Krankheitsbild wie das der Anorexie umfassend Bescheid weiß, kann nicht erwartet werden.”

Die Situation wiederholt sich

Esra hat nach etlichen Wochen endlich einen stationären Therapieplatz gefunden, verbrachte dort mehrere Wochen und konnte ihr Gewicht auf einen BMI von 15 steigern. Diesen gilt es nun mindestens zu halten, denn jetzt, wieder zu Hause, braucht sie dringend eine ambulante Behandlung, die so endlich möglich ist

Palliativmediziner Boris Hait steckt aktuell zum zweiten Mal in der schwierigen Situation: Wieder kam die Anfrage, eine schwer kranke, magersüchtige junge Frau bei ihm aufzunehmen, und wieder hat sich das Team der Station nach gründlicher Analyse der Situation und ebenso intensiven Gesprächen mit der Patientin und ihrer Familie dagegen entschieden.
Dass auch diese Patientin dringend Hilfe braucht, steht außer Frage. Doch diese Hilfe kann zum jetzigen Zeitpunkt nicht von einem Palliativteam kommen, sondern muss von Fachärzten für Magersucht geleistet werden.

Bislang konnte die junge Frau keinen passenden Therapieplatz finden.

* Name von der Redaktion geändert